Waffeln aus Prenzlauer Berg (Markus)

Prenzlauer Berg, jener Berliner Unterbezirk, in dem Lisa elf Jahre lebte und ich immerhin sechs, macht es uns in diesen Tagen nicht leicht zu gehen. Man könnte sagen, das liege am herrlichen Frühlingswetter, aber das griffe doch etwas zu kurz.

Es liegt wohl eher an jener Mischung Menschen, die man zwar überall in Berlin findet, die aber, wenn man sie in Prenzlauer Berg entdeckt, gleich den Eindruck erwecken, als seien sie dahin drapiert, um dem Klischee des Bezirks zu entsprechen. Gestern zum Beispiel habe ich auf dem Ökomarkt meine ersten Bio-Dinckelwaffeln gegessen und sie schmeckten so furchtbar, dass ich froh sein könnte, bald keine Gelegenheit mehr zu haben, sie zu verzehren.

Aber ich werde sie vermissen, die Waffelbäckerin, die ihre dunkelbraunen Waffeln so hingebungsvoll mit Apfelmark (offensichtlich die Öko-Variante von Apfelmus) bestrich, dass ich mich fragte, ob die Waffel vielleicht noch lebt und sich beim Entfernen aus dem Waffeleisen verletzt hat und gleich auch noch ein Pflaster zum Apfelmark bekommt. Mit der gleichen Leidenschaft würde die Waffelbäckerin wohl auch ihrem Kind Salbe auf eine Wunde am Knie reiben.

Aber die Herzchenwaffeln (serviert auf Holzbrettchen mit einem zweifach gefalteten Papier-Küchentuch) werden nicht das einzige bleiben, was uns für immer an Prenzlauer Berg erinnert. Da ist auch die Mutter, mit der wir befreundet sind, und die sich neulich nicht anders zu helfen wusste, als ihrem Sohn zu gestatten, sein Geschäft an einem Straßenbaum zu verrichten. Ein Mann sah das, schüttelte den Kopf und sagte so laut, dass die Mutter es hören musste: “Jetzt scheißen die Kinder hier schon an die Bäume.” Die Mutter, eine Berlinerin, entgegnete schlagfertig: “Haste ne bessere Idee?” Ein paar Meter weiter tat es ein Hund dem Kind gleich. Der Mann störte sich nicht daran.

Wir haben es oft beschrieben: Rein statistisch hat Prenzlauer Berg nicht mehr Kinder als andere Unterbezirke. Gefühlt allerdings schon. Mit dem T-Shirt-Wetter ist sie wieder gekommen, die Zeit, in der man seinen Platz auf den Spielplätzen am besten reserviert. Statt ein Badetuch auszulegen, lässt man eben das Laufrad von Anton an einer Stelle am Rand fallen, wo man später sitzen möchte, um Anton beim Rutschen zuzuschauen. So sitzen dann Mutter an Mutter an Vater an Vater. Und in der Mitte der Sandfläche spielen die Kinder. Auf Kinderlose mag das befremdlich wirken, auf Kinderhabende manchmal auch.

Aber es ist eben Prenzlauer Berg. Und es ist schade, dass wir all das bald nicht mehr haben werden.

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Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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8 Antworten zu Waffeln aus Prenzlauer Berg (Markus)

  1. Und wir werden Euch vermissen. Sicher, immer wieder gehen Menschen woanders hin. Auch ich habe Erfurt schmerzlich verlassen und bin doch glücklich mit meiner Liebsten in Berlin. Aber manche Abschiede fallen eben leichter, andere schwerer. Der Abschied von Euch fällt mir sehr schwer.

  2. Jaegerin schreibt:

    Bei mir kriegt ihr Waffeln mit einem Paket Butter drin, acht Eiern und Quark – die sind nicht braun, sondern innen fast noch weich und schmecken gaaaaanz süß. Die Eier sind übrigens vom Nachbarn und garantiert BIO obwohl das nicht drauf steht. Und wenn Eure Sehnsucht ganz groß wird nach Berlin dann kommt ihr vorbei und esst euch dick, rund und glücklich …Achja, Apfelmus habe ich nicht, aber Sprühsahne. Mmmmh. Willkommen daheim in NRW!

  3. Jeannette Chasewall schreibt:

    Ich kann Euch ja ein paar Waffeln in die neue Heimat schicken, wenn Euer Heimweh so schlimm wird :o)))

  4. E schreibt:

    Blogt ihr trotzdem weiter, bitte? Habe euch eben erst entdeckt und freue mich immer auf eure Nachrichten.

  5. Larissa schreibt:

    Ich habe dieses Schicksal auch hinter mir, uns. Wir haben auch Prenzlauer Berg verlassen. Vor 2 Jahren. Alles ist gut hier, und doch, es gibt die Moment, da vermisse ich genau das, was ihr auf eurem Blog beschreibt. Die Menschen. Die Spielplätze mit ebenso vielen Eltern wie Kindern. Tja, ein geteiltes Herz habe ich jetzt. Egal wo ich bin, ich vermisse den Ort, an dem ich gerade nicht bin…

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