Götterspeise (Lisa)

Durch Kinder soll man ja zu neuen Erkenntnissen gelangen. Hab ich mal irgendwo gelesen. Ist auch so. Seit ich gestern krank im Bett lag und einige Stunden lang der Geräuschkulisse meiner Familie lauschen konnte, weiß ich jetzt, warum kinderreiche Familien früher vor dem Essen immer beteten. Mit Gott hat das jedenfalls viel weniger zu tun, als man bislang annahm. Und so gelangte ich zu der Erkenntnis:

Irgendetwas hatte gestern dafür gesorgt, dass sich meine Mageninnenwand mutmaßlich nach außen stülpte. Ich konnte also nicht aufstehen, mein Mann hatte alle Hände voll zu tun, unsere Kids bei Laune zu halten. In meinem Dämmerzustand sprangen mir immer wieder Gesprächsfetzen ins Gehör, besonders beliebt bei den Kleinen grad „Tütata“und bei der Großen die schöne Frage „Warum?“. Aber mit Worten war es natürlich noch nicht getan. Während mein Mann Abendessen kochen wollte, hatte Paul einen Topf samt Kochlöffel und Schneebesen zur Trommel umfunktioniert. Klopf, klopf, ding, dong. Völlig rhythmusfrei lärmte auch noch sein Bruder Franz, indem er mit dem Kartoffelschäler die Heizung entlangschrappte. Rrrr, rrrr, rrrrr. Helene versuchte den Krach mit Fragen zu durchbrechen.

„Papa, warum muss das Ei in den Teller?“

Er: „Weil wir Schnitzel panieren möchten.“

Sie: „Warum darf ich das nicht machen?“

Er: „Weil das eine zu große Sauerei gibt.“

Sie (in kindlicher Logik): „Baaah, ich mag das nicht.“

Rrrr, rrrr, rrrr, klopf, rrr, klopf, klopf, ding, rrr, dong.

Er: „Okay, magst du es, wenn du mir helfen darfst?“

Sie: „Jaaaaa, hm, lecker, dann ja.“

Mein Mann ließ es also geschehen, wühlte später die Eierschalen aus der Paniersauerei, Paul klemmte sich unterdessen die Finger im Topfschrank – Vernichtungsschrei – und Franz versuchte, dem Veltins-Leergut noch die letzten Tropfen zu entlocken. Es klirrte und schepperte, donnerte und kreischte. Unser Elternleben ist eine einzige Schadensbegrenzung. Wären wir doch als Tintenfisch geboren und hätten mehr also nur zwei Arme!

Dieses Hörspiel das mir da zu Ohren kam, führte bestimmt nicht zu einer Beschleunigung meiner Genesung und der wirkliche Kraftakt sollte ja erst noch kommen: das Abendessen selbst. Das Heikle an dieser allabendlichen Raubtierfütterung ist ja, dass man selbst schon ziemlich erschöpft und hungrig ist zu dieser Tageszeit. Trotzdem verlangen die Kinder dein immerwährendes Gute-Laune-und-ich-hab-immer-Verständnis-für-Dich-Lächeln. Anstrengend! So etwas lernt man an keiner Schauspielakademie. Da braucht es schon die wahrhaftige Elternschule.

Mein Mann verfrachtet also die hungrigen Kinder ins Esszimmer, Paul in den Hochsitz, Franz in den Hochsitz, Helene überlegt noch, wo sie sitzen möchte. Dann Teller und Besteck besorgen. „Papa, ich will aber mein KINDER-Besteck“, wieder in die Küche, Kinderbesteck holen, Schnitzel aus der Pfanne, währenddessen kracht Pauls Teller vom Hochstuhltischchen auf den Fußboden und zerbricht in tausend Teile. „Nicht aufstehen, Splittergefahr“, faucht Papa, Kehrblech geholt, Babyteller mit nährreichem Ökomatsch gefüllt, Schnitzel serviert, Milchreis zum Nachtisch aus Versehen mit Wasser angerührt, festgestellt, es zu Tellerscherben und Eierschalen in den Mülleimer geworfen, Ketchup fehlt noch und dann….RUHE. Alle sitzen. Jetzt durchatmen. Das Ziel ist erreicht. Kurz innehalten. Den vom Stress erstickten Appetit wieder herauskramen.

Für Eltern ist nun der Moment des tiefen Luftholens gekommen. Dafür wurde früher gebetet. Das haben die damals schon richtig gemacht, denke ich in meinem Krankenlager und schlummere selig ein. Amen.

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Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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