XY entschlüsselt (Lisa)

Naturwissenschaften kann ich nicht leiden. Und was hab ich auch schon mit genetischen Codes am Hut? Alles abstrakte Verschlüsselungen, viel zu theoretisch. Uninteressant. Jene Codes allerdings, die die Kraft besitzen, ganze Erbanlagen zu enträtseln und somit scheinbar intakte Familien auseinandersprengen können, indem sie zum Beispiel Kukuckskinder entlarven, sollten auch in meinem Leben noch einmal eine ziemlich wichtige Rolle spielen. Natürlich nicht, weil ich meinen Mann betrogen hatte und ihn zum Vaterschaftstest bat. Undenkbar, nein! Sie sollten uns vielmehr Aufschluss geben über die Ein- oder Zweieiigkeit unserer Zwillingsjungs.

Kleiner Rückblick:

Ich war noch klein, hellblond und lockig, da besuchte ich die zweite Klasse einer idyllischen Dorfgrundschule mitten im bergischen Nirgendwo, im schönen Immekeppel bei Köln. Alles lief, wie es sollte, bis ich von einer kaum entdeckten Krankheit heimgesucht wurde: der heimtückischen Mathematik-Allergie. Meine Eltern, die Lehrer – keiner wusste sich zu helfen, also hatte ich die Beschwerden wohl oder übel auszusitzen. Mit einem neuen Lehrer verschwanden die Symptome und ich begann, Zahlen nicht mehr zu hassen. Ich akzeptierte sie.

Als ich groß, dunkelblond und lockenfrei war (meine Schwangerschaften haben meine frühere Frisur nachhaltig zerstört), erst da verstand ich richtig, was Zahlen bedeuten konnten. Dass sie das Wunder des Lebens beschreiben konnten. Unser Wunder des Lebens.

Die Wattestäbchen kamen per Post. Ich strich sie durch die winzigen Münder von Paul und Franz, um per Gentest feststellen zu lassen, ob sie ihre gemeinsame Zukunft als ein- oder als zweieiige Zwillinge bestreiten würden. Denn was viele nicht wissen: Auch wenn Zwillinge im Mutterleib zwei unterschiedliche Fruchtblasen behausen und von zwei unabhängigen Plazenten ernährt werden, kann es sein, dass sie eineiig sind. Das kommt auf den Teilungszeitpunkt nach der Befruchtung an. So viel zu den Bienchen und Blümchen.

Alle Wattestäbchen wurden also penibel beschriftet und in verschiedene Hüllen verpackt zur Testfirma geschickt. Das Ergebnis kam sechs Wochen später.

Sehr geehrte Damen und Herren,

beiliegend erhalten Sie das Ergebnis des Familientests […]

Bei den getesteten Personen handelt es sich aufgrund der gleichen genetischen Profile eindeutig um eineiige Zwillinge.

Sollten Sie noch Fragen haben, können Sie sich gern mit uns in Verbindung setzen.

Mit freundlichen Grüßen,

[…]

Hatte ich vielleicht doch alle Stäbchen, durch nur einen Mund gezogen, weil ich selbst unsere Zwillinge verwechselt hatte? Solche Fragen schossen mir als erstes durch den Kopf, als ich das Schreiben in den Händen hielt. Wobei: Allein die Möglichkeit, sie verwechselt haben zu können, sprach ja eigentlich schon für die Eineiigkeit.

Es war jetzt also amtlich. Zwei Monate nach der Geburt, nach all den Überraschungen in der Schwangerschaft war dies nun also der nächste weltbewegende Moment. Denn mit dem Schreiben war es nicht getan, wir bekamen das Familientest-Gutachten, das aussah wie eine Ehrenkunde aus dem Schulsportunterricht, mit Stempel und Stanzung, hochoffiziell. Darauf: Die Namen von Paul und Franz und unendlich viele Zahlenreihen:

Kind 1, C1: 8784-125, 22474

Kind 2, C2: 8784-126, 22475

stand darüber, als Kennzeichnung der verschiedenen Schleimhautproben. Der Beweis, dass wirklich zwei verschiedene Menschen für all die folgenden identischen Zahlenfolgen verantwortlich sein mussten. Für solche etwa:

vWA Kind 1: 17 19

vWA Kind 2: 17 19

CSF1PO Kind 1: 11 12

CSF1PO Kind 2: 11 12

Sahen wir doppelt? Nein, die letzte Zahl war definitiv nur einmal da: 198 Euro. Die war jetzt aber auch egal. Die Rechnung wurde bezahlt, die Familie informiert. Warum wir so aufgeregt darüber seien, fragten die einen. Wie gruselig, sagten andere. Alles gleich bei Paul und Franz. Aber das stimmte natürlich nicht. Gleich sind unsere Zwillinge nun wirklich nicht. Jetzt, da wir um die Eineiigkeit wussten, achteten wir natürlich verstärkt auf die Unterschiede. Und es gab und gibt etliche. Das fängt bei der Kopfform an und hört beim Temperament der beiden längst nicht auf.

Trotzdem schleiche ich anderthalb Jahre nach dem Ergebnis noch manchmal zu dem Ordner mit den Ergebnissen. Ich schaue mir die Zahlen an und versuche noch mehr Infos aus den Formeln herauszusaugen. Zum Beispiel, ob die Jungs wohl die mütterliche Mathematik-Allergie geerbt haben würden. Aber alles ist mit Zahlen eben doch nicht herauszufinden. Ein bisschen Überraschung bleibt immer.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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3 Antworten zu XY entschlüsselt (Lisa)

  1. Konschti schreibt:

    Wenn man Euren Blog so liest, überlegt man ernsthaft, ob man nicht doch sofort mit der Frau in die Kiste hüpfen sollte, um dann endlich auch mal Papa und Mama zu werden. Weiter so, Ihr beiden😉

  2. Céline schreibt:

    Mathematikallergie? also ich erinnere mich da an ganz tolle Noten Deinerseits, zumindest, wenn Du während der Arbeit Deine „Glücksbringerhose“ getragen hattest😉

  3. Stephan schreibt:

    Mädel
    dunkelblond warst Du noch nie Du vollblonde Schönheit. Und Mathe meistens so um „1“, oder übersehe ich da was?
    Nerv Dich nicht mit der DNA, vielleicht ist ja einer eineiig und der andere zweieiig, wat soll’s….Hauptsache es wird ordentlich gelacht.
    Knutscher an Goldi und sowieso alle

    Der Opa

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