Keinen Deut besser (Lisa)

Wellnesstag für Mama. Ich setze mich in die Straßenbahn. Ich fühle mich frei. Und unsicher. Wo soll ich nur meine Hände hintun, jetzt da ich mal keinen Kinderwagen vor mir herschiebe? In die Jackentasche. Problem gelöst. Vorübergehend.

Denn wie verhält man sich eigentlich, wenn man nun von den anderen Straßenbahnfahrern nicht als Mutter wahrgenommen wird (der ja bekanntlich vieles verziehen wird – zum Beispiel die zerzauste Frisur oder der vollgekleckerte Pulli)? Was die alle wohl von mir denken? Mein Rollenverständnis ist dahin, muss sich erstmal neu sortieren.

Ich bin frei, ich bin frei, denke ich und blicke auf, als ich von bekannten Geräuschen aus meinen Gedanken geschüttelt werde. Eine Mutter mit Kinderwagen und zwei halbwüchsigen Jungen ist eingestiegen. Sie redet sehr laut. Zu laut. Sie betont jede Silbe. „Finn, wenn dir waaarm ist, dann zieh dir deine Kapuuuze vom Kopf.“ Mich nervt das. Denn sie redet ununterbrochen sehr laut. Von den Kindern ist wenig zu hören. Diese Mutter will ganz ökologisch korrekt mit ihren Sprösslingen umgehen, denke ich verbittert, ihnen gutes Dinkel statt bösen Weizen andrehen, sie möchte sie betont ernst nehmen, obwohl ihre Kinder vielleicht gerade mal zwei und drei Jahre alt sind. Sie wird nicht müde, ihnen jedes einzelne Detail in dieser Straßenbahn zu erklären. In lautem Ton, damit bloß auch die anderen Gäste hören, wie pädagogisch wertvoll sie ihren Nachwuchs erzieht. So weit die Vorurteile die durch meinen kurzfristig kinderfreien Kopf schwirren.

Ich bin froh, als ich aussteige und zum Frisör laufen kann. Vier Stunden Freiheit, an nichts denken, Kaffee trinken, Klatsch lesen. Ich lebe dieses Klischee und stehe dazu. Gut gelaunt fahre ich danach nach Hause und werde überschwänglich von meinen Kindern begrüßt. „Mama, mama, mama!“ Nasse Küsse, feste Umarmungen, als wäre ich Wochen unterwegs gewesen. Ich sage: „Hey, jetzt hab ich wieder Kraft, lasst uns einen Ausflug machen.“

Wir laufen in einer Familien-Polonaise zur nächsten Straßenbahn, steigen ein und ich beginne zu reden. Ziemlich laut. Ich erkläre meinen Kindern alle Details, die sie wissen möchten, in klarem Ton, damit sie alles verstehen. Ich mute den anderen Straßenbahnfahrern zu, mir in diesem Ton zuzuhören, mein Gott, hier geht es schließlich um meine Kinder! Und in meinem ganzen Mama-Egoismus platzt irgendwann die Erinnerung an die Straßenbahnszene an meinem kinderfreien Vormittag. Ich erinnere mich an die nervige Vollblutmutti und merke: Verdammt, ich bin auch nur eine Mutter.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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Eine Antwort zu Keinen Deut besser (Lisa)

  1. bpb schreibt:

    Mit ökologisch korrekten Müttern hatte ich auch schon zu tun: http://olekrueger.wordpress.com/2009/08/12/radulf-kevins-kinderkotze/

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