Normal kann so schön sein (Lisa)

Eine Kneipe im Winskiez, 19 Uhr. Elternabend der Kita. Krisensitzung. Die Lage ist angespannt. Es geht um unsere Kinder, in deren Alltag irgendetwas schief läuft derzeit. Was können wir tun?

Erst einmal einen Wein bestellen. Oder ein Bier. So machen das die Eltern von heute scheinbar. Ich muss mich an diese Rolle noch immer gewöhnen, diese offizielle Elternschaft hab ich auch nach fast vier Jahren noch nicht ganz verinnerlicht. Vielleicht liegt es an meinem Alter. Ich bin jedenfalls die Jüngste in der Runde. Glaube ich zumindest.

Ich habe lange keinen Abend mehr außerhalb meiner eigenen vier Wände verbracht. Die anwesenden Mütter und Väter kenne ich nur als unausgeschlafene und gestresste Menschen, die am Morgen möglichst schnell ihre Kinder loswerden möchten, um an ihren Arbeitsplatz zu kommen. Oder sonstwohin. Küsschen, schönen Tag, tschüss, bis später. Winke, winke.

Nun also Wein. Ich lehne mich zurück und lausche all den aufgeregten Elternstimmen. Ich fühle mich… ja, großartig. Weil ich hier bin und kein Schlaflied singe, wie sonst um diese Zeit. Weil ich diesen Abend nicht händchenhaltend im Dunkel des Schlafzimmers sitze und Schäfchen zähle, sondern einfach so dasitzen kann in einem Lokal, mit anderen erwachsenen Menschen. Mit intelligenten obendrein. Das fällt mir auf.

Einige dieser Eltern sprechen wie gedruckt, ich genieße es, ihnen zuzuhören, wie sie in ihrem Juristen- oder Beamtendeutsch Sachverhalte erläutern, von denen ich nichts verstehe. Sie bilden Schachtelsätze, die wichtig klingen und mich beeindrucken. Darum, weil sie in totalem Kontrast zu meinem derzeitigen Alltags-Sprachgebrauch stehen. Dieser besteht aus klaren Sätzen. Aus kurzen, prägnanten Wortgebilden, damit die Kinder es verstehen. Ach, meine lieben Kleinen, ob sie wohl schon schlafen?

Der Elternabend erreicht seinen Höhepunkt, Wortfetzen fliegen durch den Raum. Kitakostenbeteiligungsgesetz, Vereinsklauseln, Sanktionen. Die Diskussion ist in vollem Gange, während ich innerlich aufliste, mit wem ich eigentlich überhaupt noch auf Augenhöhe kommuniziere, außerhalb meines Familien-Kosmos.

– Mit meinem Chef halte ich hauptsächlich per mail Kontakt, weil so am wenigsten Informationen verloren gehen.

– Mit meinem Mann spreche ich meist per chat, weil wir uns dank unterschiedlicher Schlafgewohnheiten kaum mehr über den Weg laufen.

– Mit meiner Mutter spreche ich per Telefon, weil wir in verschiedenen Städten wohnen.

– Mit meinen Freunden rede ich so gut wie gar nicht mehr, weil mir ständig die Kinder dazwischenfunken.

Ich habe also alles Recht der Welt, beeindruckt zu sein von diesen Kitaeltern, die real vor mir sitzen und über unsere Kinder reden. Über Rechte, Pflichten, Sorgen. Über normale Themen an einem gähnend normalen Abend. Ich möchte, dass er nicht vorbeigeht. Für mich ist es in diesem Moment der pure Genuss.

Ich frage mich ganz kitschig, was es Schöneres geben kann, als derart Gewöhnliches zu erleben, während man weiß, dass etwas ganz Ungewöhnliches zu Hause auf einen wartet: ein ganzes Zimmer voller schlaftrunkener Kinder. Meiner Kinder.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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