Wortfindungsstörungen (Lisa)

Im Französischen bin ich nicht wirklich zu Hause und so fällt es mir schwer, einen Begriff zu finden, den ich heute gut gebrauchen könnte – nämlich das Gegenteil vom Déjavu.

Manchmal gibt es ja solche Momente im Leben, da erlebt man etwas und denkt: Komisch. Das hab ich doch genauso schon einmal in einem Traum oder Tagtraum erlebt, ein Déjavu. Noch viel weniger erklärlich ist aber das Gegenteil davon. Du liest, hörst oder erfährst etwas und später passiert das dann wirklich. Das klingt jetzt alles etwas esoterisch, nach Glaskugel und Wahrsagerei. Ist aber gar nicht so.

Ich hatte einen Abend kinderfrei, mein Mann hielt zu Hause die Stellung und ich ging mit meiner Freundin raus in die mild temperierte Nacht, ins Kiez, in eine hippe Retrokneipe gleich bei uns um die Ecke.

Eine Lesung sollte dort stattfinden, das klang vielversprechend, nach Kultur und so. Wunderbar. Wir süppelten Weinschorle, nickten bekannten Gesichtern zu, nahmen Platz und hörten zu. Gelesen wurde aus „Kinderkacke“, einem dem Untertitel zufolge „ehrlichen Elternbuch“. Ein ehemaliger Kollege von mir hatte das Buch zusammen mit seiner Frau unentdeckt aus dem Ärmel geschüttelt, da wollte man jetzt natürlich besonders aufmerksam folgen. Zumal die beiden zwei Söhne haben, die so alt sind, wie meine Kinder.

Der Autor las:

Okay, ich habe einen leichten Kater. Ich bin am Vorabend wie immer vor allen anderen gegangen, aber ich war da, und spät war´s doch.“ Und weiter: „Definitiv eine Marktlücke: Babysitting für die Aufwachzeit.“

Die Autorin las:

Im Regelfall läuft das Abendbrot so ab: Ich komme in die Küche, um den Tisch zu decken. Beide Jungs sitzen schon mit gigantischen Käsescheiben da, die sie sich selbst aus der Plastikfolie gepult haben. Die werden feinsäuberlich zerlegt, und mit den Resten wird Auto gespielt. Beim Essen schlägt mir der Kleine mit der flachen Hand so heftig auf den Tellerrand, dass mir die Salami um die Ohren fliegt. […]“

Meine Freundin und ich, wir haben kräftig gelacht. Von Herzen, wie auch 98 weitere Gäste in dem kleinen Saal voller alter hipper Sperrmüllcouches. Das Autorenpaar hatte alle Lacher auf seiner Seite, witzig, witzig, aber hinter vorgehaltener Hand dachte natürlich jeder, gott, wie übertrieben. Sowas passiert ja keinem wirklich.

Falsch gedacht. Ich wache am nächsten Morgen auf, ich habe einen leichten Kater, ich bin am Vorabend wie immer vor allen anderen gegangen, aber ich war da, und spät war´s doch. Ich wünsche mir definitiv einen Babysitter für die Aufwachzeit während ich versuche, drei kleine hungrige Mäulchen zu stopfen. Die Kinder pulen Käse aus der Plastikfolie und Paul scheppert mit seinen Fingerchen so sehr auf seine Frühstücksschüssel, dass mir der gesamte Haferschleim ins Gesicht, auf meine Schlafanzughose und schließlich auf Tisch, Stuhl und Fußboden platschte.

Ich dachte: Toll, ich habe mal wieder echte Kultur erlebt, eine LESUNG. Aber ich dachte auch, dass ein bißchen mehr Kultur noch besser gewesen wäre. Französische Kultur, um genau zu sein. Einfach zu dem Zwecke, diesen Abend und den darauf folgenden Morgen nicht umständlich in einem langen Text wie diesem hier erklären zu müssen, sondern ihn in einem einzigen Wort zusammenzufassen: dem Gegenteil vom Déjavu.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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2 Antworten zu Wortfindungsstörungen (Lisa)

  1. bpb schreibt:

    Das Gegenteil wird Jamais-vu genannt, beschreibt aber eigentlich etwas anderes…
    http://www.babylon.com/definition/jamais_vu/German

  2. Céline schreibt:

    lasst es uns doch ein „pré-vu“ taufen 🙂

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