Giftpfeile (Lisa)

Mit meinem Mann auf dem Spielplatz am Kollwitzplatz. Er stupst mich die ganze Zeit an.

Ey, das musst du unbedingt alles aufschreiben, was hier gerade passiert.“

Ja, was denn?“

Na, guck‘ mal, der Vater da. Sein Kind hat ein Mädchen gerade richtig verdroschen, und er greift überhaupt nicht ein.“

Ja und?“

Ja, und Oles Mutter hat mit ihren Blicken Giftpfeile auf ihn geschossen. Überhaupt: Siehst du nicht all diese Giftpfeile, die hier durch die Luft jagen? Wer hat die trendigsten Stiefel über der Karottenhose an, wer kennt die kreativsten Kinderspiele. Schau mal da, der Vater zählt beim Anschaukeln seines Kindes alle Planeten auf, Jupiter, Saturn, Venus…das ist doch alles nicht normal.“

Also erstens, Schätzchen, befinden wir uns in Prenzlauer Berg, dem Mekka der Frühförderung und Erziehungskonkurrenz. Die Kinder lernen Chinesisch in der Dunckerstraße und nehmen Geigenunterricht in der Jablonskistraße. Möglichst schon ab Geburt, um das musische Gehör zu schulen. Die Eltern kleiden sie wie kleine Models und genehmigen nur Markenkleidung am winzigen Körper ihrer Kinder, der möglichst nicht am Abend mit Sand beschmutzt sein sollte. Und zweitens sehe ich die ganzen Giftpfeile schon gar nicht mehr. Das hat vielleicht mit einer gewissen Verdrängungstaktik zu tun, weil ich selbst so ungern von eben jenen Pfeilen getroffen werde. Ich habe mir eine wunderbare Alltags-Blind- und Taubheit antrainiert. Eine, die mir erlaubt, meine Kinder und mich ohne Designerklamotten auf den Spielplatz zu lassen. Und die es ermöglicht, meinen Kindern noch selbst Lieder vorzusingen, statt sie in irgendeinen Musikkurs zu stecken.“

Hmm“, sagte mein Mann. „Wer wohl glücklicher wird?“

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Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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2 Antworten zu Giftpfeile (Lisa)

  1. Rike schreibt:

    Meine Empfehlung: Giftpfeile mit dem Herausposaunen überzogen nachlässiger Erziehungsüberzeugungen abwehren. Bei Gläschenkost-Verächterinnen: „Nee,nee, mit dem Selberkochen fang ich gar nicht erst an. Aus der Nummer kommt man ja nie mehr raus!“ Orthopädisch wertvolle Schuhe ab 70 Euro in Größe 24? „Nix da, dafür krieg ich vier verschiedene Paare bei H&M!“ Mein Kind haut? „Guuuut, dann passiert ihm wenigstens nichts.“

  2. bpb schreibt:

    Sehr gut, Lisa! Gut kommt dort sicherlich auch, wenn man mal die in Billigklamotten nur haklb angezogenen Kinder mit Burgern aus der McDonalds-Tüte füttert, ihnen ne Flasche Cola in die Hand drückt und laut und deutlich sagt: „Und spielt bloß nicht mit den Waldorf-Kindern!“

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