Kleine Ostergeschichte (Lisa)

Früher dachte ich, wenn man ein Kind bekommt, dann bleibt alles wie es ist außer dass man nun eben bei allem was man tut, einen strahlenden Unterstützer hat. Meine Begründung für diese These war so einfach wie naiv: schließlich würden wir unsere Wohnung behalten, die gleiche Automarke fahren und ich würde noch immer denselben Partner an meiner Seite wissen. Alles würde also beim Alten bleiben. Leider ist das Leben komplexer.

So krempelte schon mein erstes Kind alles bisher Dagewesene um. Das Auto voller Krümel, die Wohnung voller Spielzeug, der Partner übernächtigt. Mit einem Schlag war alles anders.

Zwei weitere Kinder später merke ich, dass die Änderungen noch immer von Tag zu Tag gravierender werden. Das wird vor allem vor gewissen Feiertagen deutlich.

Ostern steht nun also vor der Tür. In meiner studentischen Singlezeit, ich war 19, ganz neu in Berlin und lebte in einem unsanierten (!) Prenzlauer Berger Hinterhof im vierten Stock ohne Aufzug (!), in einer Ein-Zimmer-Wohnung von 37 Quadratmetern, da bekam ich von den Feiertagen nur etwas mit, weil auf Berlins gesamten Stromkästen Plakate geklebt wurden mit sinnfreier Werbung für überflüssige Mottopartys á la „Komm zur Bunny sucht Rammler-Singlefete“.

Nun, mit drei Kindern gestaltet sich das Ganze natürlich anders.

Ich soll also rohe Eier ausblasen. Das an sich erscheint mir schon nackenhaare-sträubend widerlich, weil mir dabei nicht nur schwindelig wird, sondern weil ich auch noch dieses ganze schleimige Zeug in der Wohnung rumkleben habe. Pieks, pust, platsch. Was tut man nicht alles für die Kinder, könnte man denken und es einfach trotzdem tun.

Bei mir kommt aber hinzu, dass ich als kleines Kind zusammen mit meiner Mutter jedes Jahr Enten- und Hühnereier aus Nestern holte, um sie in der Brutmaschine selbst auszubrüten. Morgens und abends holten wir die Eierchen raus aus der gewärmten Styropor-Brutstätte, kurz lüften, dann mit Wasser bespritzen, sie wenden und das tagtäglich. Einige Wochen später fing es aus dem Innern der Eier an zu piepsen und wir wussten, dass bald die Küken kommen würden. Wenn morgens irgendwo schon ein kleines Löchlein gepickt war, durfte ich sogar die erste Stunde in der Schule schwänzen, um bei der Geburt dabei sein zu können. Eine prägende Kindheitserfahrung für mich. Die piepsenden Küken wuchsen dann in einem mit Rotlicht bestrahlten Wäschekorb in unserer Küche auf und folgten ein Leben lang meiner Stimme.

Umso schlimmer war es, als meine Mutter eines Tages ein Hühnerei in die Pfanne haute, dass wir vermeintlich frisch aus dem Hühnerstall geholt hatten. Ein nasses totes Küken fiel heraus. Ein Schock. Seitdem habe ich bei jedem Ei-Aufschlagen Angst, so etwas könnte mir noch einmal passieren. Auch heute noch.

Aber meine Kinder bestehen natürlich auf bunte Ostereier und ihnen reicht es nicht, wenn wir sie einfach nur kaufen und aufhängen. Ich springe also über meinen Schatten und blase Eier aus, pieks, pust, platsch, und denke an früher und daran, dass ich noch tun und lassen konnte, was ich wollte. Ich konnte auf „Bunny-sucht-Rammler“-Partys gehen oder auch nicht. Ich konnte Ostereier färben oder auch nicht. Ich konnte mir das Leben mit Kindern so vorstellen, als würde sich nichts ändern außer dass ich bei allem, was ich täte, einen strahlenden Unterstützer dabei hätte.

Heute blase ich Ostereier aus und blicke in gleich drei strahlende Gesichter. Ich hatte mich damals also doch nicht getäuscht!

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Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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