Musizieren mit Helge (Lisa)

Einem Abend mit Babysitter gehen immer Dramen voraus. Wir ziehen den Kindern die Schlafanzüge an, legen jedes in sein Bettchen und liefern zum Ausgleich für den bevorstehenden Verlust eine Extraportion Milch im Fläschchen. Alle nuckeln, schnuckeln, grunzeln fröhlich, bis sie merken, dass Mama durch Kati, Jana oder Babse ausgetauscht wird. Einen Bruchteil der Sekunde meint man, eine tiefe Ruhe zu hören. Es ist jene vor dem großen Sturm. Sie dient dem Einatmen vor der großen Schreiattacke. Wir trocknen Trauertränchen, Verzweiflungstränchen, später Hysterietränchen. Wir schauen auf die Uhr und müssen los. Herzzerreißend.

Wenn wir endlich auf dem Weg zu unserem Ziel in der Straßenbahn sitzen, halten wir inne. Wie machen andere Eltern das eigentlich mit ihren Kindern? Oder Promis? Die jetten im Flieger um die Welt, sind teils mehrere Tage unterwegs, sind laufend auf roten Teppichen unterwegs. Haben die kleine Eismaschinen zum Nachwuchs oder schreien die Kinder auch so, wenn Mama über die Türschwelle in die weite Welt rausgeht?

Ich sitze also irgendwann neben meinem Mann in der Straßenbahn und so langsam beginnt unser vom Abschied ganz starr gewordener Körper wieder zu erwachen, als würde das Blut zurück in ein eingeschlafenes Bein fließen. Es piekst, kribbelt, ist anregend unangenehm. Ich schaue aus dem Fenster. Ich sehe: Neue Gebäude, neue Menschen, neue Mode.

Die Welt hat sich dreist weiter gedreht, während ich meine Brut großzog und -ziehe. Ich schaue an mir herunter und sehe, dass ich mit meiner Kleidung nicht auf dem neusten Stand bin. Interessiert mich eigentlich nie. Heute schon. Denn die Menschen da draußen sind mehr als nur einen Modeschritt von mir entfernt. Da tun sich ganze Style-Gräben auf. So muss sich jemand fühlen, der einige Zeit auf einer einsamen Insel oder im Knast gelebt hatte.

Ich möchte hier kein Mitleidsorchester dirigieren. Bin ich ja eh kein Dirigent, sondern Musiker in dieser Zeit. Nur spiele ich nicht mehr die erste Geige und das Orchester ist geschrumpft und fremd geworden. Es mag sein, dass an diesem Abend die Empfindungen größer sind, als an anderen Abenden, aber es ist das, was mir in diesen Minuten durch den Kopf geht. Die Gegenwartsmusik zirbelt leise aber rhythmisch in meinem Ohr. Wir trinken Mezzo Mix, und vertrauen auf die Wirkung der Cola in der kleinen Flasche Mixgetränk. Wir kommen ans Ziel und setzen uns in unseren roten Sessel im Admiralspalast. Erwartungsvoll. Froh. Fast frei.

Um uns herum Leute jeder Couleur, Punker, Manager, Möchtegern-Hippies, aber nur ich und mein Mann, wir existierten. Und Helge, als er endlich auf die Bühne kommt. Er liefert seine Show, unvergesslich. Fantastisch. Beflügelnd. Sie nimmt uns mit in seine absurde Welt, weg vom Alltag, wir schweben durch den Admiralspalast.

Mein Handtäschchen vibriert, der Alltag klingelt an. „Alle drei Kinder schlafen“, steht in der Nachricht und ich bin weder euphorisch, noch überrascht davon. Es versetzt mich vielmehr in einen Zustand, der mich nach Hause wünscht – liegen. Aber die Show holt mich schnell zurück aus meinem Babykosmos und gibt mir irgendwann die Antwort auf die Frage, wie Promis das eigentlich mit ihren Kindern hinkriegen, wenn sie abends unterwegs sind.

Da tapst irgendwann ein kleines niedliches Wesen zu Helge Schneider auf die Bühne, das krächzend aber hell „Schokolade“ ruft oder „Papua“ und keinen halben Meter misst. Es bringt den Papa kaum aus der Fassung, auch wenn es immer wieder kommt undn geht, mal mit zwei Hunden, mal ohne. Der Weniger-als-halbe-Meter ist höchstens zwei Jahre alt. Es ist Helges Tochter. Er sagt: „Kind, heut ist Ostersonntag. Du darfst heut bis 3 Uhr nachts wach bleiben.“ Hysterietränchen im Publikum, es pfeift und schreit schenkelklopfend.  So einfach ist das also.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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Eine Antwort zu Musizieren mit Helge (Lisa)

  1. Jägerin schreibt:

    tröste dich: kinder großziehen und auf dem lande leben ist ein noch viel viel viel größerer modekiller!
    und helge spielt hier auch nicht

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