Käseglocke (Markus)

Heute ist das Experiment zu Ende. Wir nehmen Abschied vom Großversuch Prenzlauer Berg. Heute zieht der unbekannte Riese die Käseglocke hoch, die er vor ungefähr zehn Jahren einfach über unseren Stadtteil pfropfte und fortan niemanden mehr rein und raus ließ.

Das habe ich mir heute vorgestellt, als ich – etwas verkatert – nach einer richtig guten Nacht aufwachte. Ob die Nacht wirklich richtig gut war, muss ich gleich mal meine Frau fragen, vielleicht war sie auch nur deshalb richtig gut, weil ich gestern Abend mit Kollegen zum ersten Mal in diesem Jahr im Biergarten war…

Aber zurück zum Großversuch, der heute enden wird. Die Käseglockengrenze hebt sich und dutzende Kinderwagen rollen den Prenzlauer Berg (den es tatsächlich gibt) hinunter. Bislang war auf halbem Weg immer Schluss, denn dann kam ja die Käseglockengrenze. Von der anderen Seite, also vom Fuße des Berges etwa auf Höhe des Rosenthaler Platzes in Mitte, stapfen Horden von 75- bis 85-Jährigen hoch auf den Berg. Sie haben hier früher einmal gelebt, konnten sich die Mieten irgendwann nicht mehr leisten, zogen weg und dann kam die Käseglockengrenze und kein Senior konnte mehr zurück nach Prenzlauer Berg.

Weil es so gut wie kein Rein und kein Raus gab, mussten die Prenzlauer Berger ihr Obst und Gemüse selbst anbauen. Das taten sie auf dem Balkon, im Hof, in den Baumscheiben an der Straße und verkauften es als Biokost in den größten Bioläden Deutschlands. Jetzt, nachdem die Käseglockengrenze weg ist, ist wieder Handel mit Nachbarbezirken möglich. Die Preise für Kartoffeln, Möhren und Espressopulver sinken um bis zu 60 Prozent.

Die Polizei löst ihre Spezialeinheit „Kinderwagen- und Puppenklau“ auf. Die Beamten müssen sich um Autodiebstahl – zehn Jahre praktisch kein Thema in Prenzlauer Berg – und Formen international-organisierter Kriminalität kümmern.

Es ist wieder möglich, Ersatzteile für die bevorzugten Automarken Saab und Volvo nach Prenzlauer Berg zu liefern – oder einfach neuere Modelle, die weniger stinken und laut sind. In den Kindergärten ändert sich das Lernverhalten. War bislang Chinesisch die erste Fremdsprache, weil viele Prenzlauer Berger dachten, es gebe wegen der chinesischen Mauer eine Seelenverwandtschaft mit Käseglocken-Prenzlauer Berg, lernen die Kinder jetzt wieder Deutsch. Und Englsich und Französisch. Wie im Wedding, wie in Reinickendorf, wie in Kreuzberg.

Hm, ohne Käseglocke ist Prenzlauer Berg ja ein Stadteil wie jeder andere. Ich will die Käseglocke zurück! Sofort. Alte raus! Kinderwagen wieder rein. Meinetwegen auch stinkende Volvos.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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4 Antworten zu Käseglocke (Markus)

  1. Kommander Kaufmann schreibt:

    🙂 Steven Kings „Die Arena“ gelesen? Erinnert mich dezent daran.

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