Merkel, Kaczynski, Obama (Lisa)

Die Tragödie des Absturzes der polnischen Präsidentenmaschine in Russland hat dazu geführt, dass in unserem Wohnzimmer auch ab und zu die TV-Nachrichten laufen, obwohl die Kinder noch wach sind. Bislang interessierten sich die Kleinen vielmehr für die Knöpfe auf der Fernbedienung als für die bewegten Bilder.

Aber die vielen bunten Lämpchen waren dann doch ganz spannend. Bilder eines Lichtermeeres aus Grablampen waren zu sehen und tränentrocknende Menschen. Fotos des verstorbenen polnischen Staatschefs. Kondolierende.

Meine dreieinhalbjährige Tochter weiß nicht, wer Kaczynski ist, sie kann sich unter dem Begriff Tod nicht viel vorstellen, außer dass der Mensch jetzt „kaputt“ ist und sein Flugzeug auch. Trotzdem bewegen sie die Tränen der Menschen, Tränen kennt sie, Tränen vergießt sie selbst in großer Regelmäßigkeit.

Unsere Erklärungsversuche scheitern kläglich, als wir erläutern, dass Kaczynski die Merkel Polens war. „Merkel, hä?“, fragt sie. Und ich denke: Gute Frage.

Warum sollte meine  Tochter wissen, wer Angela Merkel ist? Ist sie doch irgendwie unsichtbar, unscheinbar. Ohne Ecken und Kanten, die sich in unserem menschlichen Zahnradsystem des Lebens verkanten könnten, um sich ein Bild von ihr zu machen. Eines, an das man sich erinnern könnte, falls ihr mal etwas zustoßen sollte.

Kein Satz fällt mir von ihr ein, der mir im Gedächtnis bleiben würde. Der es wert wäre, in die Geschichtsbücher der Zukunft geschrieben zu werden. Kein „Ick bin ein Berliner“, kein „Yes, we can“. Mit welchem prägenden Ereignis würde man sie verbinden? Welche Bilder würden in den zeitlupenlastigen, mit Geigen- und Klaviermusik untermalten Schwarz-Weiß-Dokumentationen gezeigt werden, wo es doch nicht einmal einen öffentlichen Kuss mit ihrem Ehemann zu zeigen gibt, der uns rühren könnte, keine leiblichen Kinder, die vor den Kameras in Tränen ausbrächen.

Ich bin nah am Wasser gebaut und habe selbst nach dem Tod Robert Enkes ein Tränchen vergossen, die Bilder haben mich gepackt, noch mehr aber das Schicksal des frühen Verlustes seiner Tochter. Das hat ihn menschlich gemacht, verletzlich.

Einen Roboter kann man nicht verletzen. Ein Roboter wird programmiert und wenn er abstürzt, muss die Öffentlichkeit nicht einmal etwas davon mitbekommen, weil schnell der Techniker (bzw. Berater) zur Seite springt und alle Defekte behebt.

Von unserer Kanzlerin gibt es keine solch menschlichen Bilder und ich frage mich, wie in diesem Lande das Volk trauern würde, wenn eine ähnliche Tragödie geschähe, wie die in Smolensk. Ich zweifle am Tränenreichtum der Deutschen für ihre Kanzlerin. Wer würde um einen Roboter weinen? Einem, der keine schlechten Schlagzeilen produziert, aber eben auch keine Emotionen? Einem, der sich an der Agenda entlanghangelt, statt selbst Agenda-Setting zu betreiben? Einem der immer dieselbe Kleidung trägt, nur in verschiedenen Farben und dabei so farblos wirkt, wie niemand sonst in quietschroter oder gelber Robe?

Wie anders das wäre bei einem Staatschef mit Farbbekenntnis, einem mit Ecken und Kanten, die ihn menschlich machen, nahbar. Einem, der auch mal Fehler macht und der dadurch auch die Möglichkeit hat, zu emotionalisieren, als Identifikationsfigur zu dienen. Einem, der Erfolge für das Land vorweisen kann, vielleicht sogar bahnbrechende. Einen Politiker mit Charisma stelle ich mir vor, der Aufbruchstimmung verbreitet, die Menschen von Innovationen überzeugen kann, Vertrauen vermittelt mit packenden Worten und motivierender Geste.

Es gibt ein Land, das so einen Staatschef hat, bzw. einen, der zumindest vorgibt so wünschenswert zu sein – was mir aber reicht: Amerika. Nicht vorstellbar, welcher Emotions-Tsunami über die Erde schwappen würde, wenn Barack Obama etwas zustieße.

Wahrscheinlich würde sogar meine dreieinhalbjährige Tochter weinen. Ohne zu wissen warum.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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