Kochkünste (Lisa)

Früher, und das sage ich nicht ohne Stolz, war ich unter meinen Freunden bekannt für köstliche Salatsaucen und Gourmet-Improvisationen. Aus jedem noch so leeren Kühlschrank konnte ich irgendetwas Bekömmliches zaubern, zu Partys brachte ich gleich drei verschiedene Speisen mit, selbstverständlich Eigenkreationen.

Und heute?

Komme ich mit den Kindern gegen 17 Uhr vom Spielplatz und die Buddelei hat meinen Kindern ein Loch in die Magengegend gefräst, von dem Bob, der Baumeister nur träumen kann. Es ist ja nicht so, dass sie auf dem Spielplatz nichts kriegten. Ich habe immer etwas dabei, um dem ultimativen Hungergeschrei zu entgehen: Apfelstückchen, fein geschnitten. Cherrytomaten in Tupperware. Ökodinkelhonigtierkekse aus der Tüte. Apfeltaschen vom Bäcker. Brezeln. Reiswaffeln. Zwieback. Eins von alledem ist mindestens dabei. Jeden Nachmittag. Und trotzdem.

Wir kommen nach Hause. Ich habe die Jacke noch an, da lasse ich mit der einen Hand bereits vorsichtshalber Wasser in einen Topf laufen, während ich mit der anderen die Kindermützen von den Köpfchen entferne und mit dem Checker-Mütter-Köchinnen-Blick das Lebensmittelregal scanne.

Mindestens ein Kind wirft sich schon jetzt auf den kalten Fliesenboden und zerrt an meinem Hosenbein. Hungeeeeeeeeer! Das Kind am Hosenbein fühlt sich an, wie die Gefangenen-Bleikugel von einem der Dalton-Brothers aus den Lucky Luke-Heften meiner Kindheit. Es schränkt meine Bewegungsfreiheit deutlich ein, so dass es lustig aussehen muss, wie ich trotzdem versuche, mit den Händen den Schrank auf der anderen Seite der Küche zu erreichen. Workout, Mutti – nun streck dich halt mal. Dabei möchte ich doch eigentlich nur meine Ruhe nach einem anstrengenden Tag an der frischen Luft. Ich flüchte kurz in meine eigene Gedanken. Hach, auf was ich wohl gerade am meisten Hunger hätte…hmm, mal überlegen. Lauchkuchen wäre fantastisch. Selbstverständlich lässt sich dieser kulinarische Wunschtraum aber nicht umsetzen und das hat genau sechs Gründe:

  1. Meine Kinder schreien schon beim Einkauf der Porreestangen „Bah, Iiiih, Bäh, Pfui“
  2. Man müsste den Backofen vorheizen (dauert zu lang)
  3. Man müsste 30 Minuten Backzeit einplanen (undenkbar)
  4. Die Kinder würden es nicht essen (Bah, Iiiih, Bäh, Pfui)
  5. Wenn sie nichts essen, schlafen sie nachts vor Hunger nicht (Horror)
  6. Wenn sie es doch essen würden, hätten sie mit Darmgasexplosionen zu tun (welch Gestank)

Also richte ich mich lieber direkt nach dem Geschmack der Kleinen. Koche Nudeln mit Tomatensauce. Die werden aber selbstverständlich nur ohne Tomatensauce gegessen und natürlich, es dauert wieder zu lang, bis die Nudeln al dente sind. Also wasche ich schon einmal das Fingerfood für den schlimmsten Hunger, immer noch mit mindestens einem Kind am Bein. Gurke und Möhren. „Ich will aber ohne Schale“, ruft die Große, ich schäle und sie bricht in Tränen aus. „Ich wollte aber doch lieber mit Schale.“

Ich atme tief durch und stelle meine Ellbogen in den Rippenbögen ab, richte die Unterarme nach außen und strecke Handflächen und Schultern gen Himmel. So what – denke ich auf englisch. Eine kleine winzige Flucht in eine nicht-deutsche Welt, zu der die Kinder noch keinen Zugang haben. Mütterliche Überlebensstrategie. Früher manifestierten sich meine nicht-deutschen Fluchtversuche in italienischer Pasta a la gorgonzola oder indischem Curry. Heute also in gedanklichen Fragezeichen.

Das Fingerfood ist fertig (Ha! Noch ein englisches Wort), es gibt Gurkenpommes (lange grüne Schnitze), rote Paprikagesichter und so lustige Dinge und wenn dann endlich das Abendessen fertig ist, liegen nur noch Kohlenhydrate auf den Tellern meiner Kinder. Wenn ich es gewagt haben sollte, sie zu würzen, kann ich damit rechnen, nach dem ersten Bissen drei kleine durchgekaute Schleimklöße neben die Teller gespuckt zu bekommen. Bah, Iiiih, Bäh, Pfui. Hungrige Kinder, böse Gesichter.

Also merke, Mutti: Morgen das Abendessen wieder nur mit Salz und Pfeffer anbieten. Und mit Nudeln. Guten Appetit.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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2 Antworten zu Kochkünste (Lisa)

  1. Ich muss an dieser Stelle mal ein generelles dickes Lob für Euren Blog dalassen. Bin durch den berlinpankowblogger auf Euch aufmerksam geworden und genieße jeden neuen Beitrag🙂 Viele Grüße aus Pankow

  2. Gajanus schreibt:

    Dank dem Pankowblogger verwandte Seelen auch im Netz. Ha, kenn ich alles: Drei Kinder am Bein und kulinarische Tagträume. Ihr schreibt mir auch sonst aus dem Herzen. Wann hat die Vollzeitmama bloß Zeit dafür? Weiter so. Hab Euch in mein Diigo gepackt. Und dann bitte noch Twitter verbinden, dann folge ich Euch. Ist besser als E-Mail-Benachrichtigung. Danke!!

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