Vorne sitzen (Markus)

Und wir hatten noch gescherzt. Nachmittags, im Auto auf dem Weg von Alcúdia nach Pollenca. Helene saß vorn auf einer Sitzerhöhung, schaute erhobenen Hauptes wie eine Prinzessin, die gerade auf einer Sänfte durch ihr Reich geschaukelt wird, auf Meer und Gegenverkehr und fragte: Darf ich in Berlin auch vorne sitzen? Nein, sagte ich, erst wenn Du zwölf bist, darfst Du vorne sitzen. Der übliche Frage-Ping-Pong begann: Wann bin ich zwölf? – In ungefähr acht Jahren. – Wann sind ungefähr acht Jahre? – 2018 – Wann ist 2018? – Wenn die Fußball-WM in, äh, wahrscheinlich in Äthiopien stattfindet. – Und warum darf ich auf Mallorca vorne sitzen und nicht in Berlin?

Ich überlegte kurz, dachte, tja, warum eigentlich? Und entschied mich für die Antwort: Die Spanier nehmen das nicht so genau. Die sind nicht so pingelig wie die Deutschen, Gott sei Dank. Deswegen sind wir ja jetzt auch in Spanien.
Wir fuhren nach Pollenca, kauften Helene für 4,50 Euro (von ihrem Taschengeld!) ein Mini-Schlauchboot, gingen an den Strand, blieben eine Stunde und fuhren zurück ins nahe gelegene Alcudia. Helene natürlich wieder vorne.
Wir waren schon fast zuhaus, rechts von uns die Kulisse der Altstadt Alcúdias, als zwei Polizeimotorräder aus Richtung Palma kommend in den Kreisverkehr schossen und mir bedeuteten, an den Rand zu fahren.

Ich verstand die schneidige Geste der Polizisten zunächst falsch, glaubte, sie wollten nur, dass ich Platz mache für eine Kolonne und drehte eine Extra-Runde im Kreisverkehr. Nein, er meinte uns, nur uns, und um seiner Absicht Nachdruck zu verleihen, ließ er auch noch seine Sirene aufheulen. Echtes Tatütata! Ich hielt, sah im Rückspiegel, wie die beiden Polizisten fast majestätisch von ihren Maschinen stiegen und sich Fahrer- und Beifahrerseite näherten.
Hola, buenas tardes.
Ein freundlicher Gruß und ein strenger Blick zu Helene, die ihren stolzen Blick von vorhin längst verloren hatte und verwirrt Pa-pa? stotterte. Ob wir nicht wüssten, dass Kinder nicht vorne sitzen dürfen?, fragte der gute Cop freundlich, während der böse keine Miene verzog.
Ich sagte: Si, yo sé, but we have too many kids!

Der gute Cop schaute auf die Rückbank, entdeckte Franz, Paul und Lisa, die zwischen zwei Kindersitzen gequetscht saß, lächelte großväterlich und sagte zu unserer Überraschung: Okay, lassen sie alles wie es ist!

Franz, sonst immer ne große Klappe, wenns ums Tatütata geht, schrie angesichts der uniformierten Gestalten – und Helene, was machte Helene? Sie schnallte sich plötzlich ab. Nein, rief ich, bleib bitte angeschnallt. Jetzt trat der böse Cop auf den Plan, steckte seinen Motorradbehelmten Kopf durch das geöffnete Fenster, Mikro vor dem Mund, nahm väterlich den Anschnallgurt und legte ihn unserem zitternden Töchterlein fachgerecht an. Auf dem Vordersitz.

Adios, alles klaro, weiter gings. Und trotzdem haben wir jetzt ein Problem. Obwohl alles glimpflich ausging, will Helene jetzt nicht mehr vorne sitzen. Das Szenario hat gewirkt. Aber: Drei Kindersitze auf der Rückbank passen einfach nicht. Wir werden jetzt mit dem Bus fahren – oder gleich in Alcúdia bleiben.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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3 Antworten zu Vorne sitzen (Markus)

  1. Schneeweisschen schreibt:

    Jetzt bin ich aber doch ein wenig irritiert. Vielleicht ist ja die Rechtslage in Spanien noch ein wenig anders. Ich habe mich letztens aus aktuellem Anlass (lange Autofahrt mit meinem achtjährigen Sohn) ausführlich mit diesem Thema beschäftigt. Die magische Altersgrenze von 12 Jahren gilt seit einigen Jahren nicht mehr. Auch jüngere Kinder dürfen auf dem Beifahrersitz mitfahren. Voraussetzung: es wird ein Kindersitz benutzt. Bei rückwärts gerichteten Babyschalen muss der Airbag ausgeschaltet sind. Wer größer ist als 1,50 m oder mind. 12 Jahre alt, darf auch ohne Sitzerhöhung vorne mitfahren. (http://www.motor-talk.de/news/kinder-im-auto-soll-der-nachwuchs-vorne-sitzen-t2446561.html)

  2. gajanus schreibt:

    Wenn die Kids einmal wissen, wie toll die Aussicht vorn ist, wollen sie selten noch nach hinten. Unsere drei Recken streiten regelmäßig darum…

  3. bb1899 schreibt:

    Kinder dürfen immer vorne sitzen mit Kindersitz/Sitzerhöhung wenn sie vorwärts fahren reicht es laut ADAC Auskunft den Sitz etwas nach hinten zu schieben nur wenn sie rückwarts fahren muss der Airbag aus Also wenn du deiner Tochter ne Freude machen willst setz sie nach vorne😉 meine Tochter sitz auch mit Sitzerhöhung vorne😉

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