Alltags-Aktrice (Lisa)

Mütter müssen verdammt gute Schauspielerinnen sein. Egal, wie erschöpft sie sind, wie übernächtigt, wie verzweifelt – Mütter müssen immer lächeln.

Das fängt damit an, dass einem, wenn man Kinder hat, nicht die Möglichkeit bleibt, einfach mal einen Tag im Bett liegen zu bleiben und die Decke über den Kopf zu ziehen, bis die temporäre Depression verflogen ist. Man muss jeden Morgen AUFSTEHEN.

Das allein ist oft schon schwierig.

Da Kinder aber immer Action brauchen, reicht es nicht, sie daheim spielen zu lassen. Man muss also raus. Und raus, das heißt immer auch: soziale Kontakte pflegen.

Man strahlt der Bäckerin aus seinen müden Augen entgegen. „Tach, drei Schrippen, bitte.“ „Ja, und Ihnen auch einen wunderschönen Tag.“

Dann kommen die anderen Kindergartenmütter. Weiterlächeln. Immer weiterlächeln.

Warum das so sein muss?

Das hat genau drei Gründe:

  1. Wenn man von drei Kindern dauerhaft derart erledigt ist, weil sie es einfach nicht schaffen, durchzuschlafen und nach der anstrengenden Nacht am Tage auch noch mit solcher Energie auftreten, dass man, wenn man diese Energie umsetzen würde, ganze Dörfer mit Strom versorgen könnte, dann ist man als Mutter auf SPRÜCHE wie diese angewiesen: „Mensch, da hast du drei Kinder und strahlst immer noch! Bewundernswert!“ So banal dieser Satz klingen mag, er setzt in mir Kraft frei bis mindestens zum Mittag. Ich denke, mensch, so schlimm ist ja alles gar nicht, ich kann ja noch LÄCHELN. Wunderbar, alles im Lot. Selbstbetrug könnte man das auch nennen. Positiver Selbstbetrug.
  2. Wenn ich die andere Kitamutter NICHT anlächeln würde, müsste ich ja SCHWÄCHE zeigen. Das kann ich mir in meinem engmaschig organisierten Großfamilienalltag nicht leisten, denn dann würden sich die eng gespannten Fäden unserer Alltagsstruktur lockern und die ganze Familie käme ins Schleudern. Schwäche zeigen kann man sich als Mutter nur im Urlaub leisten, wenn ein Auffangnetz vorhanden ist.
  3. Ich möchte um nichts in der Welt MITLEID erregen. Wenn ich der anderen Kitamutter so begegnen würde, wie ich mich manchmal fühle, stünde ich ganz eindeutig als Versagerin vor ihr, die der großen Herausforderung überhaupt nicht gewachsen ist. Aber wer ist das schon? Man kommt ja nicht als Muttertier auf die Welt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Mütter gibt, die nie den Gedanken haben, der Situation nicht mehr Herr zu werden. Aber das führt jetzt zu weit. Mitleid jedenfalls treibt Menschen Sorgenfalten ins Gesicht und ich habe genug davon auf dem eigenen Gesicht, ich möchte sie bei anderen nicht auch noch sehen müssen. Denn dann bestünde zusätzlich die Gefahr von Selbstmitleid. Und wenn es etwas Schlimmeres gibt als Mitleid, dann ist das Selbstmitleid.

Aber damit ist es natürlich noch nicht getan für die Mutter. Denn Hollywood lässt auch täglich in den eigenen vier Wänden grüßen. Du kannst ja nicht aufwachen und sagen: „Ey Kinder, ihr versorgt euch heut selbst, ich bin mit dem falschen Fuß aufgestanden“. Oder noch besser: „Ich bin einfach genervt von meiner doofen Freundin XY“. Nicht nur, dass Helene sofort Einspruch erheben würde („Mama, DOOF sagt man nicht“). Nein, es wäre einfach unfair den Kindern gegenüber, denn sie können Mamis Launen ja noch gar nicht verstehen.

Wir Mütter grinsen also weiter, so gut wir können, lesen Magazine mit lächelnden Muttis, regen uns auf, dass die schon so schnell nach der Geburt wieder soo gut aussehen und immer dieses Dauergrinsen auflegen. Wir legen dann verärgert die Zeitschrift weg, fühlen uns veräppelt von der Welt und lächeln fröhlich weiter. Komische Welt.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
Dieser Beitrag wurde unter Der Anfang veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Alltags-Aktrice (Lisa)

  1. Wie lautet der meistgenannte Satz junger Mütter?…“Ach…es geht schon“…und so lächeln wir uns durch Leben?

  2. Stephan schreibt:

    Muss nicht immer lächeln sein, kann aber. Eine feine Höflichkeit, die kein Betrug ist.
    Höflichkeiten gehören zur Alltags-Magie, wir sprachen darüber. Sie scheinen nutzlos und absurd, regeln aber sehr vieles unter uns, schaffen soziale Struktur. Dazu gehört das Fluchen, „Scheiße“ rufen, alles reine Magie!! Beschwörungen!! Schamanistische Techniken! Funktionieren phantastisch ohne Esoterik. Und sehr interessant für weiteres…..

  3. Rike schreibt:

    Lächeln ist ja schön und gut, und dann bekommt man auch ein Grinsen zurück, und das tut gut. Indes dürfen Kinder unbedingt auch merken, dass nicht immer alles gut ist bei Mami. Sie dürfen unsere Tränen sehen, unsere dünnen Nerven spüren und auch Streit mitbekommen. So lange diese Emotionen nicht überwiegen, halten sie das aus. Und: Das meiste merken sie ohnehin! Mamis sind keine immer starken Zauberfeen.

  4. Alla schreibt:

    Also Lisa…! Da muss ich doch mal sagen: wärest du mir jemals nicht-lächelnd auf dem Kitaweg begegnet, ich hätte mich vielleicht gewundert (denn du strahlst tatsächlich immer!), aber ich hätte dich doch nicht als Versagerin betrachtet…! Ganz ehrlich (und das sage ich mit einem Lächeln im Gesicht)!
    Liebe Grüße in den alten Kiez!
    Alla

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s