Das Brathähnchen-Massaker (Lisa)

Es gibt so Dinge, die erleben nur Nachbarn von Schwägerinnen von Freunden. Oder der Bruder vom Enkel von Soundso etc. Das sind Geschichten vom Hörensagen, über die man gelegentlich lacht, auch wenn man nicht glaubt, dass so etwas wirklich passieren könnte. Nun, manchmal passieren solche Dinge dann aber doch auch einem selbst und man beginnt, an die unglaublichen Geschichten zu glauben.

In dieser Woche sind uns gleich zwei passiert.

Die erste spielt auf dem Rückflug aus unserem Urlaub. Da wir mit zwei Kindern unter zwei Jahren nicht gemeinsam in einer Reihe sitzen dürfen (Sicherheitsvorkehrung) sitzt Markus also mit Paul drei Reihen vor mir auf der rechten Flugzeugseite. Beim Start beginnt Paul zu schreien. Nicht besonders schlimm, aber zumindest hörbar. Ich bin ganz entspannt, denn dies ist schließlich nicht unser erster Flug mit den Kindern, die Routine verhindert, dass wir bei jedem Schreien Schweißausbrüche bekommen. Nun sitzt da aber links von meinem Mann eine brathühnchen-gebräunte, geliftete Giftmadame, die nach einem erzürnten Blick auf Paul und seinen (warum nur?) gut gelaunten Vater bewusst ihr Fliegengewicht auf die andere Pobacke verlagert, um auf ihrem Sitz möglichst den Winkel zu erreichen, in dem sie am wenigsten von Pauls Gezeter mitbekommt. Aber es bringt nichts, sie hält sich nun auch noch das rechte Ohr zu, während sie sich mit der linken goldberingten Brutzelbraunhand an ihre Zeitschrift klammert. Aber, verdammt, auch das bringt nichts. Plötzlich wirft sie ihre schwarz gefärbten Haare nach innen, schwingt ihren Körper Richtung Gang und ruft:

„Jetzt schalten Sie das gefälligst aus!“

Mein Mann ist perplex und gibt die einzig richtige Antwort auf diesen Einwurf: er schweigt und lächelt. Welcome back to Germany.

Die zweite unglaubliche Geschichte ereignete sich heute morgen. Als berufstätige Dreifachmutter ist es nicht leicht, auch noch Zeit für ein Blog zu finden und so schreibe ich meine Beiträge meist entweder vor 8 Uhr morgens, wenn mein Mann noch im Haus ist oder eben nach 22 Uhr, wenn schon alle schlafen. Heute morgen startete ich also einen erneuten Versuch, zu schreiben, obwohl mein Mann schon aus dem Haus war. Ein Fehler! Denn als ich nach einem merkwürdigen Rummsgeräusch aus dem Kinderzimmer vom Schreibtisch aus in den Flur blickte, da befand ich mich plötzlich in einem Live-Kettensägenmassaker (im Ergebnis sah es jedenfalls so aus). Drei Kinder, hunderte Tränen und sechs Hände, die bluteten. The killer is in the house, dachte ich. War etwa die Brathähnchenfrau aus dem Flieger zu uns gekommen und hatte sich heimlich gerächt für die ungeheuerlichen Unannehmlichkeiten? Nicht ganz.

Die Kids hatten sich einfach mit dem lustigen Spiel „Ich-hau-den-Glastopfdeckel-noch-fester-an-die-Wand-als-Du“ vergnügt. Kreativ muss man sein.

Scherben auf dem Gästebett, Scherben auf dem Kinderzimmerteppich, Scherben in den Händen der Kinder. Schweißausbrüche bekam ich auch dabei nicht, die Routine, Sie wissen schon. Irgendwie wünschte ich mir dann aber doch die Brathähnchenfrau herbei, um ihr zu zeigen, das so ein bißchen Flugzeuggeschrei doch eigentlich nichts war, über das man sich aufregen konnte. Ich murmelte also ein leises „Jetzt schalten sie das gefälligst aus!“ vor mich hin, während ich die Pflasterstrippen im Badezimmer zerschnitt, um sie meiner blutenden Meute um die Finger zu wickeln. Nun war ich also auch so eine Art Nachbarin der Schwägerin von Freunden geworden, deren Geschichten man weitererzählen konnte. Und die dann für Mythen sorgten, die man nicht selbst erlebt hatte, aber trotzdem kannte – vom Hörensagen.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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2 Antworten zu Das Brathähnchen-Massaker (Lisa)

  1. Jaegerin schreibt:

    Ich glaube dir jedes Wort. Und finde es mal wieder unglaublich!

  2. Papa schreibt:

    Manno Ihr
    wie soll ich denn so ein Desaster zeichnen? Brathähnchen würde ich ja noch hinkriegen, aber der Rest sieht mir nach Krickel-Krackel aus, Anarchie pur. Aber Eure Kinder sind auf gutem Weg!

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