Körperliche Dysfunktionen (Lisa)

Nachts verselbständigt sich mein Körper. Ich liege in meinem Bett und höre Geräusche. Nicht irgendwelche, nicht vereinzelte. Nein, ich höre jedes Geräusch. Ich höre die Fensterläden, wie sie vom Wind gegeneinander geschlagen werden, ich höre entfernt ein Auto, wie es sich den Weg durch die Dunkelheit bahnt, ich höre das Rascheln der Äste.

Jedes dieser akustischen Details gelangt durchs Ohr in mein Trommelfell und wird dann auf seine Gefahr hin gefiltert. Der körperliche Filter verrät meinem Gehirn schließlich, ob es sich bei der jeweiligen Lärmquelle um ein potentielles Babygeräusch handelt und somit also Handlungsbedarf erfordern könnte.

Sendet der Filter das Signal „Handlungsbedarf“ an mein Gehirn, dann beginnt mein Blutdruck zu steigen. Mein Schlafzustand wird unterbrochen und in jeder Nische meines Körpers setzt der Prozess des Erwachens ein. Je nach Lautstärke funktioniert das schneller oder langsamer.

Mein Herzrhythmus ändert sich, das ganze Organ bebt. Und je mehr Geräusche folgen, desto mehr verselbständigt sich mein Herz im Laufe der Nacht.

Nach einiger Zeit erlangt es einen Zustand der Alarmbereitschaft, es scheint nicht mehr zu mir zu gehören. Hier ein Knacken, da ein Rascheln, das Herz springt förmlich aus der Brust, wird nur noch von vereinzelten Muskelsträngen am Fortfliegen gehindert, es pocht weit über meiner Brust und beginnt ein Eigenleben, das mich am Schlafen hindert.

Also wandle ich schlaftrunken in das Kinderzimmer, überpüfe, ob alles in Ordnung ist, mein Herz findet seinen Weg zurück in meine Brust, allerdings erst, als ich mich aufs Gästebett im Kinderzimmer lege. Jede weitere Entfernung von den Kindern würde meinen Herzrhythmus abermals aus dem Takt bringen. Zu anstrengend.

Ich liege also zwischen den Kindern, lasse mich von ihrem schnarchenden Atem schaukeln und mein Körper wiegt sich in Sicherheit. Nicht lange allerdings. Nun nämlich verselbständigt sich mein Gehörgang, die Ohren wandern von Kinderbett zu Kinderbett, horchen nach Unregelmäßigkeiten und kommen bis zum nächsten Tag nicht mehr zur Ruhe.

Wenn der Morgen graut, entspannt sich alles in mir, die nächtliche Gefahr ist gebannt. Die Kinder haben durchgeschlafen, wachen lächelnd auf und starten energiegeladen in den Tag. Ich hingegen bin totmüde.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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