WM-Melancholie (Lisa)

Eigentlich wollte ich diesen Artikel „WM-Euphorie“ nennen. Das ging aber nicht, denn diese WM ist wie Wasser ohne Prickel. Schmeckt irgendwie langweilig. Zum einen ist die Stimmung natürlich nicht vergleichbar mit der letzten WM im eigenen Land – das Wetter war damals besser, die Deutschen überraschten uns und die Städte waren voller begeisterter Touristen. Dazu kommt aber aktuell auch, dass ich mich, nun 2010, in einer vollkommen anderen persönlichen Situation befinde als 2006.

Vor vier Jahren, der Sommer, das war wohl die emotionalste Zeit meines Lebens.

Ich war hochschwanger mit meinem allerersten herbeigesehnten Kind. Ich war frisch verheiratet und verliebt wie am ersten Tag. Ich trug eine Kugel vor dem Bauch, die mich unglaublich stolz machte und ich ließ mich anstecken von der allgegenwärtigen Euphorie. Mein Mann und ich machten es zum Hobby, jedes Deutschland-Spiel an einem anderen Ort zu schauen – mal im Biergarten, mal in der Adidas-Arena am Reichstag, mal in einer Beachbar. Ich war braun gebrannt und strahlte, von innen und von außen. Nichts hätte ich dem hinzufügen wollen, auch wenn ich natürlich ab und zu doch auch gern mal mit angestoßen hätte, was ja ob meines Zustands nunmal nicht ging.

Nach dem Ausscheiden von Deutschland schaute ich der Form halber noch das Finale, interessierte mich aber eigentlich mehr dafür, wann sich denn nun unser Nachwuchs auf den Weg machen würde.

Und dann, genau eine Woche nach dem Finale, kam an einem Sonntag um 0.20 Uhr unser erstes Kind zur Welt. Unsere persönliche Weltmeisterschaft war gewonnen, und die Fußball-WM, die uns auf dieser Wahnsinns-Ziellinie begleitet hatte, würde sich für immer in unseren Köpfen verankern.

Aus dieser Position heraus, hatte es die aktuelle WM natürlich schwer mitzuhalten, schon von Beginn an. Trotzdem hoffte ich insgeheim auf ein neues Sommermärchen. Vielleicht würden uns die Poldis und Lahms und Schweinis ja wieder in ihren Bann ziehen. Aber die Situation war nun wirklich eine andere. Zu unserem ersten Kind hatten sich zwei weitere gesellt. Die Flexibilität des Fußballguckens wurde uns schon allein dadurch genommen, dass die Babysitter selbst lieber zum Public Viewing wollten…

Heute zum mittäglichen Deutschlandspiel, sorgte ich dann dafür, dass Helene in der Kita war und die Jungs in ihrem Buggy schliefen, ich schaute an einer Prenzlauer Berger Fußballkneipe, an deren Seite ein Spielplatz angeschlossen ist – falls meine kleine Fußballhelden doch noch erwachen sollten. Ich hätte ein Bierchen trinken können, ja. Passte aber irgendwie nicht zu meiner voll gestopften Tagesplanung. Ich hatte jetzt Verantwortung zu tragen und in diesem Jahr konnte mich die WM diese nicht mal für einen kleinen Augenblick lang vergessen machen.

Ich schuckelte gedankenlos den Kinderwagen neben mir und fühlte mich wie im falschen Film, lauter Kinder in Deutschlandtrikots, lauter Elterngesichter, die genauso enttäuscht dreinschauten wie ich. Wahrscheinlich hatten sie alle auf ein neues Sommermärchen gehofft und mussten nun, nach Poldis verschossenem Elfer und der 0:1 Niederlage gegen Serbien feststellen, dass unsere Mannschaft eben doch nicht so (ver)zaubern kann, wie sie es 2006 tat.

Ich wickelte meine Söhne in der Halbzeitpause, statt mich am Bier- und Würstchenstand anzustellen wie damals. Ich schaute in die Gesichter der anderen und sie alle schienen zu rätseln, woher die allseits melancholische Laune kam – vom verlorenen Spiel oder von den durchwachten Nächten? Viele Damals-WM-als-Single-Gucker-und-heute-WM-als-Eltern-Schauer prosteten sich schweigend zu. Sie tranken Wasser ohne Prickel.

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Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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3 Antworten zu WM-Melancholie (Lisa)

  1. NixZen schreibt:

    Alles wird wieder.-))

  2. Andrea schreibt:

    Die WM ist dieses Jahr wirklich enttäuschend. Aber liebe Leute, Kopf hoch. Das meine ich nicht nur auf die WM bezogen, sondern auch auf das Leben mit Kindern. Eure Biergarten-Public-Viewing-Tage kommen bald wieder. Dann sind alle Kinder groß genug und gucken mit oder sind auf dem Spieli, wenn ihr nebendran ein Würstchen esst und ein Bierchen trinkt. Es gibt doch auch so viele schöne Momente mit den Kleinen! Und die sind so schnell wieder vorbei! Einfach genießen.

  3. mamarella schreibt:

    ja sehr schön. ich habe bei der letzten wm meinen letzten wichtigen job gehabt. und halt sommermärchen. jetzt sitze ich hier auch mit kind. jeden abend. zumindest haben wir es nach jahren mal geschafft die babysitterfunktion im telefon zu aktivieren… wir könnten ja mal außerhalb gucken….

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