Die armen Kinder! (Lisa)

Ich bin Alleinerziehende in Teilzeit. Das fällt mir besonders am Wochenende auf, wenn ich all die Einzelkinder beobachte, wie sie mit Mama rechts und Papa links am Händchen schöne Familienstunden verbringen, sich auf dem Spielplatz förderlich unterhalten und dann staunend feststellen, dass ich ja – warten Sie, eins, zwei, oh gott, drei Kinder allein dabei hab.

Gestern war wieder so eine schöne Szene auf einem Spielplatz, der gerade neu eingeweiht wurde. Die Mama von Mathilda unterhielt sich mit dem Papa von Mathilda über das neue Klettergerüst, dass ja schon gefährlich sei, weil einerseits die Abstände der oberen Umzäunung zu groß wären, andererseits das Gerüst aber zu hoch sei, um das Kind gut genug sichern zu können.

Ich lauschte der Unterhaltung gern und schaute amüsiert zu, wie die beiden während ihres Gespräches versuchten, mit yoga-ähnlichen Verrenkungen ihre etwa zweijährige Tochter auf dem grrrrroßen gefährrrlichen Gerüst (dessen Hersteller das Ungetüm speziell für Kleinkinder unter zwei Jahren konzipiert hatte) festzuhalten.

Es gibt Ratgeberbücher, in denen jungen Eltern empfohlen wird, einfach einmal zehn Sekunden die Augen zu schließen, wenn sich das eigene Kind gerade auf einem Klettergerüst befindet. Um zu erfahren, wie es sich anfühlt, Verantwortung abzugeben und um dem Kind die Chance zu geben, Vertrauen in sich selbst zu entwickeln. Ich brauche für so etwas kein Ratgeberbuch.

Im Gegensatz zu Mathilda wachsen meine Kinder ja quasi in Anarchie auf. Ich stand neben den besorgten Mathilda-Eltern an der Rutsche und wartete, dass Paul (nicht gesichert!) losrutschte. Nach Paul kam Franz (nicht gesichert!) an die Reihe.

„Oh, gehört der auch zu dir?“, fragten sie.

„Ja“, sagte ich schulterzuckend und sie bohrten weiter.

„Wie, sind das Zwillinge? Und dann auch noch Jungs?“

„Jaja“, sagte ich.

„Da hast du ja die volle Packung abgekriegt.“

„Hä?“, dachte ich, „Tja“, sagte ich.

Als dann auch noch Helene (nicht gesichert!) in meine Richtung „Maaaamaaa“, rief, fragten sie:

„Wie, die gehört auch noch zu Dir?“

„Äh, ja“, sagte ich mit entschuldigendem Lächeln im Gesicht.

„Wow“, sagten sie.

Die Mathilda-Eltern-Gehirne kamen in Hochtouren. Gott, die arme Frau, das ist ja überhaupt nicht zu schaffen. Oder: Wahnsinn, geht’s uns gut, wir dachten ja schon, WIR hätten viel zu tun. Jedenfalls sagte die Mathilda-Mutter irgendwann:

„Mathilda, lauf mal zu Papa.“

Franz hörte das und zog direkt seine Traurigschnute. Er fragte „Papa?“ Und ich sagte laut zur Mathilda-Mutter:

„Oh, Papa war jetzt das falsche Wort.“ Und ich fühlte, wie sie dachte: Ohje, die ist ja auch dazu noch alleinerziehend. Um Gottes willen.

Ich wollte das so nicht stehen lassen. Ich bin zwar am Wochenende fast immer allein mit den Kindern, weil der Papa arbeitet und ja, auch in der Woche verlässt er meist um 8 Uhr das Haus, um dann erst elfeinhalb Stunden später wiederzukommen. Ich bin vielleicht teilzeit-alleinerziehend, aber zumindest muss ich nicht auf die Liebe eines Mannes verzichten, die einem im Alltag ja auch schon Rückrat sein kann – zumal, wenn es sich bei dem Herrn auch noch um den Vater deiner Kinder handelt.

Ich sagte also zur Mathilda-Mutter um die Situation noch irgendwie zu retten: „Äh, der Papa kommt gleich noch“, was nicht nur gelogen war, sondern den Verdacht scheinbar nur noch unterstrich, denn wieder konnte ich ihre Gedanken ziemlich genau erahnen: Achso, der arme Vater darf wahrscheinlich jedes Wochenende mal für zwei Stunden seine armen Kinder besuchen…

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Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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2 Antworten zu Die armen Kinder! (Lisa)

  1. ankelilli schreibt:

    Hallo.
    Die Spielplatzsituation ist mir auch schon so oft hier in Jena aufgefallen (WENN denn tatsächlich mal Kinder auf den Spielplatz kommen) – Und dann wollen die sich auch noch die eine Schaukel mit unseren -drei- Kindern teilen. Ich bin für mindestens fünf Schaukeln pro Spielplatz, ach, wäre das entspannt.

    Daß man mit drei KLEINEN Kindern angestarrt wird, kenne ich auch. Mein Mann ist dann immer so frei, diese Menschen zu grüßen und zu sagen „Ja, das sind alles unsere, und wir erwarten noch zwei.“ – Ich meine, drei Kinder sind doch nun noch nicht außergewöhnlich viele, oder?

    Zum „Sichern“ habe ich eine nette Episode, die ich ergänzen kann. Kind (10Monate) streicht, auf einer Decke sitzend, über das Gras am Rande. Papa sieht das, schreit, stürzt sich aufs Kind und entreisst ihr den Halm. Um daraufhin eine halbe Stunde zu dozieren, was mit einem Grashalm im Verdauungstrakt eines Kindes passiert. WOW.

    In dem Sinne, ich freue mich auf den nächsten Beitrag.
    Gruß Anke

  2. andrea schreibt:

    Oha, da sprecht ihr mir aber aus dem Herzen. Ich dachte schon, ich sei allein dabei, viele andere Eltern als hysterisch abzustempeln. Wenn zB die Mutter im Arzt-Wartezimmer ihr Krabbelbaby nicht weiter als 50cm von sich gehen lässt und es sonst zurückholt- um es vor den anderen gefährlichen kindern zu schützen? (natürlich völlig gestresst! ist das anstrengend mit kind!)
    oder die, die mit ihrem kind jeden schritt auf dem spielplatz gehen.
    früher haben kinder allein im garten oder hof gespielt, jetzt dürfen sie sich nicht mal mehr 50cm von ihren eltern entfernen. eine katastrophe!

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