Montagmorgen (Lisa)

Klischees erfüllen macht ja manchmal Spaß, finde ich. Und so muss ich ja fast schon wieder lachen über diesen missglückten Wochenstart, der mir, wenn ich ihn in einem Drehbuch gelesen hätte, so unwahrscheinlich vorgekommen wäre, dass ich den Autor als untalentiert und viel zu platt denkend abgestraft hätte.

Ich wachte schon mit schlechter Laune auf, das geschieht selten genug. Ich habe ein intensives Wochenende mit den Kindern erlebt und wollte nach dem Aufwachen einfach mal fünf Minuten lang

  • nicht angefasst
  • nicht angesprochen und
  • nicht angebrüllt

werden. Leider waren all diese Wünsche nicht auf einmal zu erfüllen, so dass ich, statt in Ruhe zu frühstücken, dem einen Kind verbot, die frischen Brötchen im Haferschleim zu zermatschen, dem anderen das Marmeladen-verschmierte Messer in den Mund zu nehmen, um dann dem nächsten Kind den Allerwertesten abzuwischen. „Maaaaamaaa, feeeeertig“. Wie ich diesen Satz während meiner Mahlzeiten liebe…

Ich war dann auch fertig. Noch nicht mit der Welt, aber zumindest mit dem Essen. Ich freute mich ungemein auf den Abschied in der Kita, von der ich wieder als ich selbst und nicht als Bedürfnisbefriedigungsmaschine heimgehen würde.

Ich war froh, alle Kinder abfahrbereit gemacht zu haben: Zwei Windeln festgezurrt, sechs Schühchen an Füße geklettet und drei Gesichter mit Sonnencreme eingerieben zu haben. Mir war schon heiß, bevor ich den Hof betrat.

Dort schloss ich die Garage auf, um den Fahrradanhänger herauszuholen. Fast sperrte ich Paul darin ein, weil er unbedingt das Laufrad darin noch inspizieren wollte. Ich schloss ab, er schrie. Ich ließ ihn stehen, um Helenes Fahrrad aufzuschließen und mich dann auch noch meinem eigenen Fahrrad zu widmen.

Da ging ein Fenster auf und eine Mittdreißiger-Nachbarin pflaumte: „Können Sie sich nicht mal um Ihr schreiendes Kind dahinten kümmern?“

Guten Morgen, Deutschland!

Wissen Sie eigentlich, wer Ihr egoistisches Ich-bin-überzeugt-kinderlos-und-schlafe-jeden-Morgen-länger-als-bis-neun-Uhr-Leben finanziert? Haben Sie schon einmal überlegt, wer Ihre Rente zahlt?

Das alles hätte ich gern geschrien, so laut, dass alle anderen Nachbarn aus ihren Betten gefallen wären. Aber ich sagte recht freundlich und bestimmt:

Wissen Sie, ich kann nicht aus diesem Haus ausziehen, nur weil ich drei Kinder habe. Ich muss dort hinten meinen Anhänger rausholen, hier das Fahrrad aufschließen, dort….“ Uns so weiter. Die Nachbarin ließ nicht locker.

Ihre Kinder schreien überdurchschnittlich viel (Aha!). Ich habe auch Freunde mit Kindern (Oho!). Die schreien nicht so viel.“

Ich hatte genug. Der Morgen war gelaufen. Das Klischee des fiesen Montags war erfüllt. Ich war fertig. Nun auch mit der Welt.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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3 Antworten zu Montagmorgen (Lisa)

  1. Rike schreibt:

    Was für eine Ziege! Ekelhaft!
    Ich habe mir einmal für solche Situationen Kurz-Sätze zurechtgelegt, die
    1. überraschen sollen,
    2. unbedingt Gleichgültigkeit und Gelassenheit ausdrücken sollen,
    3. treffen sollen und folglich
    3. meine Gegner mundtot machen sollen.
    Mach das doch auch. Dabei ganz wichtig: JEDEN duzen – auch und vor allem 80jährige. Und: Lächeln!
    Lisa, die Sonne scheint, und Du hast das Glück auf Deiner Seite. Die Alte soll doch weiter motzen – glücklicher wird sie dadurch nicht.

  2. Stephan schreibt:

    Vorschlag für Kurz-Satz:
    „das wundert mich, dass Du Freunde hast, sogar mit Kindern, das hätte ich jetzt nicht gedacht. Aber ich hab‘ nicht nur Kinder, sondern sogar schreiende Nachbarn“
    (Aber das fällt einem immer zu spät ein). Empfehlung: Nicht mal ignorieren den Quatsch…….

  3. jo schreibt:

    „Sie dürfen mir gern helfen!“ vielleicht? Daß die kinderlose Nachbarin ja genug Zeit hat(, Maulaffen feilzuhalten) und nun ohnehin schon wach ist … behielte ich für mich oder wären die nachzuschiebenden Argumente – je nach Gute-Morgen-Laune …

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