Ehrgeiz (Markus)

Obwohl meine Muttersprache Deutsch ist, werde ich ab heute mit meinen Kindern nur noch Englisch reden. Ein Bekannter – Unternehmensberater – hat mir das empfohlen. Weil ein gutes Englisch ja unverzichtbar sei für die Karriere (er hat nicht gesagt: für die Karriere als Unternehmensberater).

Zwei Straßen weiter liegt eine Kita, die noch zwei Plätze frei hat. Das ist in Prenzlauer Berg selten. In dieser Kita aber ist Chinesisch zweite Sprache. Und ich dachte mir, wenn meine Söhne Unternehmensberater werden, kann es nicht so schlecht sein, dass sie neben Englisch auch Chinesisch beherrschen. Gute Sprachkenntnisse – auch das sagte mir der Unternehmensberater – reichen natürlich nicht für den beruflichen Erfolg. Es sei wichtig, möglichst früh die musischen und kreativen Fähigkeiten zu fördern. Fördern – das ist übrigens so ein Lieblingswort des Unternehmensberaters. Am Kollwitzplatz gibt es eine Werkstatt für frühkindliches kreatives Malen. Die drei- oder vierjährigen Kinder dürfen – ganz ohne Anleitung und ohne Einfluss der Lehrerin (wofür ist sie dann da?) – ihre Pinsel in verschiedene Farbtöpfe tauchen und Papier bemalen, das an der Wand hängt. So soll die unmittelbare Gefühlswelt zu Papier gebracht werden, möglichst frei, möglichst abstrakt. In einem TV-Interview sagte die Lehrerin nämlich, dass es nicht gut sei, dass Kinder immer nur gegenständlich malen, also Sonnen, Häuser, Menschen, Hunde oder Bagger. Wahrscheinlich, weil Bagger ökologisch fragwürdig sind. Die Ergebnisse dieses freien, frühkindlichen Malens können sich wirklich sehen lassen: Manche Bilder sind ganz schwarz, manche ganz gelb, manche ganz blau – toll. So etwas hängt man sich doch gern in die eigene Wohnung.

Ach ja, die musische Erziehung. Hätte ich jetzt fast vergessen vor lauter Angeboten. Helene muss Geige lernen! Das haben Lisa und ich jetzt auch noch beschlossen. Es gibt da diese Suzuki-Methode, mit der Kinder angeblich spielerisch-leicht das an sich nicht ganz so leichte Instrument beherrschen können. Der Kurs ist teuer, aber was solls – solange mein Kind richtig gefördert wird. Wir gehen gleich mal rüber zu diesem Geigen-Laden. Man kann nicht früh genug anfangen, sagt mein Unternehmensberater. Aber wo ist Helene? „Heleeeene, where are you?“ Helene: „Häh?“ – Ich: „Come on, violin course today!“ Helene: „Mama, was will Papa?“ Lisa: „Der möchte, dass Du einen Geigenkurs besuchst?“ Helene: „Was ist ein Geigenkurs?“ Lisa: „Da lernt man Geige spielen.“ Helene: „Kann man da auch schaukeln und eine Sonne malen?“

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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5 Antworten zu Ehrgeiz (Markus)

  1. andrea schreibt:

    Musste sehr schmunzeln, schön geschrieben. Dieser Frühförderungsmist, besonders verseucht der Prenzlberg, ist absoluter Nonsens. Wenn ich die Eltern auf dem Spielplatz höre, die ihren Kindern in fehlerhaftem Englisch hinterher rufen, möchte ich um mich schlagen. Genau, bringt den Kindern eure Fehler bei! Und ganz ehrlich: niemand spricht eine Sprache so perfekt, fehlerfrei- außer er lebt jahrelang in betreffendem Land (und selbst dann nicht) oder er ist Muttersprachler: und die sollen bitte mit ihren Kindern die 2. Sprache sprechen, sonst ist es Verschwendung! Instrument lernen, ja gern: aber in der Grundschule reicht auch noch. Die Kinder werden von A nach B gereicht und haben durch diese Überförderung und Überbetreuung einfach gar keine Freiheit mehr, das zu tun, was für Kinder natürlich ist: im Spiel zu lernen… Traurig.

  2. bpb schreibt:

    Überlegt Euch das gut. Meine Eltern mussten einst umziehen, weil ich mit fünf Jahren Geigenunterricht bekam. Andererseits hätte es einen Vorteil für Euch: Ich könnte jederezeit Nachhilfe geben.

  3. Dominik schreibt:

    Ich drücke euch die Daumen, dass keins eurer Kinder Interesse daran findet Schlagzeug zu spielen. Falls dies dennoch passieren sollte, einfach eine Trommel besorgen und dem/der/den Kleinen versichern, dass es ein Schlagzeug erst dann gibt, wenn es wirklich regelmäßig übt (bestimmt ein riesen Spaß, für euch). Das hat bei mir dazu geführt, dass ich, außer Geige und Tenorhorn, nahezu jedes Instrument getestet habe (gabs in der Musikschule zum Glück leihweise).
    Karl rockt übrigens auf einer Batteriebetriebenen- Piano-Gitarre. Errinert ein wenig an die Love-Parade…

  4. Der Opa schreibt:

    NRW’s neue Regierung setzt das Programm „ein Instrument für jedes Kind“ fort. Ich plädiere zum Beginnen fürs transport- und preisgünstigste Instrument: Tanzen und Singen

  5. Simone Albert schreibt:

    Schön, aber leider im TV den Bericht dazu gesehen….

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