Schicksal (Markus)

Was, wenn auf dem Weg in die Kita eine Tram eines unserer Kinder erfassen würde? Was, wenn sich ein unangeleinter Kampfhund (und die meisten dieser widerlichen Kreaturen mit ihren häufig noch widerlicheren Besitzern in Prenzlauer Berg bewegen sich ohne Leine) in unserem Kind verbeißen würde? Was, wenn unsere Tochter ihr kleines Fahrrad nicht rechtzeitig am Ende des Gehwegs stoppen könnte und gradewegs vor ein Auto raste?

Manchmal kommen solche Gedanken. Und manchmal empfinde ich es als großes Glück, dass bisher nichts Schlimmeres passiert ist, obwohl wir in einer wuseligen Metropole mit vielen potentiellen Gefahrenstellen leben. Natürlich gibt es weit draußen auf dem Land genauso viele Gefahren, vielleicht sind sie nur nicht so offensichtlich.

In einer TV-Talkshow trat am Freitagabend eine Mutter – schätzungsweise Mitte 30 – auf, deren Schicksal mit dem Wort schlimm nur unzureichend beschrieben ist. Bis vor zweieinhalb Jahren hatte die Frau eine kleine, glückliche Familie. Kurz vor Ostern 2008 verlor sie bei einem Verkehrsunfall sowohl ihren Mann als auch ihre beiden Kinder (6 Jahre und 22 Monate alt). Ein Zug erfasste das Auto, als es gerade einen unbeschrankten Bahnübergang passierte. Die Mutter war zu dem Zeitpunkt zuhause. Ihre Familie gibt es nicht mehr, sie wurde von einer Sekunde auf die andere ausgelöscht. „Vier minus drei“ heißt das Buch, in dem die Frau (Barbara Pachl-Eberhart) über diese Sekunde schreibt. Vier minus drei klingt mathematisch-nüchtern, aber es drückt auch aus, dass sich die Frau der Realität stellt, dass sie keine andere Wahl hat, als mit ihrem Schicksal zu leben. In der Talkshow wirkte sie unglaublich stark und gefasst, während ihre Zuhörer stumm und fassungslos lauschten und mit den Tränen rangen.

Sie empfinde Trost, weil sie sich an jenem Schicksalsmorgen innig von ihrer Familie verabschiedet habe. Sie habe ihren Sohn fester als sonst gedrückt, es sei ein herrlicher, sonniger Tag gewesen. Hätte es dieses Abschiedsritual nicht gegeben, sie wisse nicht, wie sie sich heute fühlen würde, sagte die Frau.

Was sie erlebt hat, lässt mich im Grunde völlig bestürzt und verwirrt zurück. Aber es zeigt mir auch, wie unglaublich dankbar ich sein kann für meine kleine, glückliche Familie.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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3 Antworten zu Schicksal (Markus)

  1. Sabine schreibt:

    Wie gut ich das nachvollziehen kann! Ich finde es schon lange nicht mehr selbstverständlich, Kinder gesund zur Welt bringen zu dürfen. Aber noch weniger ist es selbstverständlich, sie gesund aufwachsen zu sehen und irgendwann in ihr eigenes Leben entlassen zu können.

    LG Sabine

  2. Papa schreibt:

    Das ist in der Tat das Schlimmste, was einem passieren kann. Auch wir sind froh, dass wir (zumindest bisher … auf Holz klopfen) von so einem Schicksalsschlag verschont wurden. Manchmal hat man in der Tat diese Gedanken, aber man schiebt sie schnell beiseite, weil sie zu weh tun.

  3. Umdenken Spirithink oder Gedanken bedenken schreibt:

    Hallo zusammen,
    **Vier minus drei klingt mathematisch-nüchtern, aber es drückt auch aus, dass sich die Frau der Realität stellt, dass sie keine andere Wahl hat, als mit ihrem Schicksal zu leben.**
    Ich verstehe diesen Titel noch etwas tiefer, im Grunde sagt sie nur meine Familie und ich sind EINS. Es drückt für mich mehr aus, als nur keine andere Wahl zu haben. Im Grunde hat sie nur eine Wahl, entweder ich sehe mich als EINS(zig) übrig gebliebenen oder ich sehe das EINS(sein) mit meiner Familie.
    Dieses Schicksal ist sicher niemanden zu wünschen, vor allem wenn man selbst Elternteil ist, verheiratet ist oder eine Partnerschaft hat. Frau Barbara Pachl-Eberhart ist für mich eine großartige Lehrerin vom Sterben, dem Tod, der bedingungslosen Liebe, des Lebens selbst.
    Ihr Schicksal, so unaussprechlich wie es auch erscheinen mag, dient gerade jetzt all diesen Menschen die ähnlichen Schmerz und Verlust erlitten haben. Das Buch hat und hält eine einzige Kraft zusammen, nämlich die bedingungslose Liebe. Diese wiederum hält ganz still und fast unmerklich im Hintergrund alles zusammen, voller Liebe und Mitgefühl.
    Es mag merkwürdig klingen, aber dieses Buch, ihr Schicksal-bringt wieder etwas mehr Liebe und Licht in unsere Welt.

    Möglicherweise mag ein ähnlich Betroffener durch sie, ihrem Beispiel, einen neuen Weg gefunden haben um sich seinem tiefsten Schmerz zu stellen. Ich bin absolut sicher, diese Menschen sind nicht alleingelassen damit. Sie erfahren eine tiefgreifende Bewusstseinsveränderung, die sie mehr und mehr die Liebe in der sie sind, die sie letztlich selber sind, erkennen lässt.

    In diesem Sinne, ein schönes Wochenende,

    Olaf

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