Experten (Lisa)

Es ist immer wieder interessant, Erziehungstipps von Menschen zu erhalten, die selbst keine Kinder haben. Viele haben ganz genaue Vorstellungen von der späteren Kindererziehung, zum Beispiel: „Also ich werde sechs Wochen nach der Geburt wieder halbtags arbeiten, ganz praktisch von zu Hause aus. Ich werde mich ja eh schnell langweilen.“ (Abwarten! Es arbeitet sich nicht gut in einem Zustand der totalen Übermüdung, mit dauernden Stillpausen und schreiendem Kind im Hintergrund…)

Es mag schwierig sein für Außenstehende, sich in die Lage von jungen Eltern zu versetzen. Nie hat es ein Gebiet in meinem Leben gegeben, in dem so viele Menschen sich einmischen wollten und das emotional so überladen ist.

In einem Interview mit der New York Times sagte die Schriftstellerin Ayelet Waldman vor fünf Jahren, dass sie ihren Mann mehr liebe als ihre Kinder. Ein Sturm der Entrüstung brach über sie herein und sie dachte: „Über das Mütterthema solltest du dir weiter Gedanken machen.“ Ein Minenfeld.

Wenn ich Nicht-Eltern erzähle, dass ich häufig zwei Stunden brauche, um die Kinder ins Bett zu bringen, mit kuscheln, Zähne putzen, umziehen, Lied singen und Händchen halten, dann fassen sich viele an den Kopf. Sie erzählen dann von strengen Bekannten, die sich das nicht mehr gefallen lassen wollten. Die ihre Kinder einfach mal hinter geschlossener Tür haben schreien lassen, damit sie endlich lernen, allein einzuschlafen und die Eltern ihre Ruhe haben.

Ich bin dankbar, dass ich mir über solche Radikal-Methoden keine Gedanken machen muss. Bei mir regelt sich die Erziehung nämlich so gut wie nie im Kopf. Mutterinstinkte sind hier ein passendes Schlagwort. Fern ab von schlauen Ratgebern ist es mir seelisch wie körperlich nicht möglich, meine Kinder einfach aus Prinzip schreien zu lassen. Sollen sie doch schreien und merken, dass ihnen eh nicht geholfen wird – ist das der Hintergrund des ganzen Gebahrens? Mit meinem inneren Verständnis von Würde ist das jedenfalls nicht zu vereinbaren, auch wenn das Schreien-Lassen in umstrittenen Ratgebern wie „Jedes Kind kann schlafen lernen“ ausdrücklich empfohlen wird und das Buch von vielen jungen Eltern bibel-artig verehrt wird.

Ein Ratgeber kann mir meine Intuition aber nicht nehmen. Wenn ich meinen Kindern gegenüber „echt“ sein möchte, wenn ich ihnen die Konstanz geben möchte, die sie brauchen, dann muss ich auf mein Gefühl hören. Sonst bleibe ich nicht glaubwürdig und dafür haben Kinder feinste Sensoren. Ich darf ihnen und mir selbst nichts vormachen.

Es mag der Weg sein, der den Eltern selbst weniger Raum gibt. Aber es ist der Weg, der glückliche Kinder hervorbringt. Das sagt mir mein Gefühl. Und darauf höre ich.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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3 Antworten zu Experten (Lisa)

  1. Wortman schreibt:

    Recht machen kann man es eh niemanden und am Schlimmsten sind die Leute, die einen alles mögliche an Tipps geben aber noch nie Kinder hatten. Somit also null Ahnung haben.

    Der Grad zwischen „Strenge“ und Intuition ist recht schmal und Fehler machen alle. Perfekte Eltern gibt es nicht, da nützen auch keine 100.000 Ratgeber. Jedes Kind ist individuell und so muss man sich eben selbst auf sein Kind einstellen.

  2. Papa schreibt:

    Der einzig wahre Ratgeber ist immer noch „Der kleine Erziehungsberater“ von Axel Hacke 🙂 Sehr zu empfehlende, unterhaltsame Lektüre.

    Wobei ich „Jedes Kind kann schlafen lernen“ in einem Punkt in Schutz nehmen muss: Das Buch empfiehlt nicht das Schreien-Lassen. In einem Kapitel wird eine Methode gezeigt, die ein gewisses Schreien-Lassen als unter Umständen sinnvoll ansieht, aber nicht im Sinne von „aus Prinzip schreien lassen“. Aber das problem ist, dass 99% nur dieses eine Kapitel lesen und den Rest vom Buch nicht.

  3. Lisa DU machst das toll!!! und ich wünschte diesem „Bauchgefühl“ öfter zu begegnen.

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