Im Zoo (Markus)

Aus dem Kinderzoo in den Tierpark. Gestern haben wir Prenzlauer Berg gegen den Berliner Tierpark Friedrichsfelde getauscht. Helene, Franz, Paul – und Papa. Lisa hatte kinderfrei und hat – wie sie abends voller Freude berichtete – entdeckt, dass man in Prenzlauer Berg auch Sachen einkaufen kann, die nicht für Kinder bestimmt sind. Aber das ist ein anderes Thema, ich wollte ja über unseren Besuch im Tierpark schreiben.

Allein mit drei Kindern? Das sollte doch für mich kein Problem sein. Lisa war ja stets nachmittags auch allein mit unserer Kinderschar. Kind eins, zwei, drei hievte ich also ins Auto. Helene wusste ganz genau, welche Tiere sie sehen wollte: Giraffen, Elefanten, Zebras, Tiger und Affen. Alle diese Tierarten leben im Tierpark. Nichts leichter als sie zu finden – dachte ich. Als ich den mit drei Kindern besetzten Zwillingskinderwagen durch das Tor des Parks schob, sahen wir zwar ein imposantes Schlösschen, Bauarbeiter und ein herrliches Blumenbeet, aber… kein Tier.

Wo sind die Elefanten?, beschwerte sich Helene, und die beiden Jungs führten sogleich die Finger an die Nasen und trompeteten „Töröö, Töröö!“ Wenn sie das Wort Elefant hören, setzt sogleich eine Art Pawlowscher Reflex ein, der unsere Zwillinge zu nasen-trötenden Dickhäutern werden lässt. Und nach 500 Meter sahen wir denn auch das erste Tier: Ein frei laufender, aufdringlicher Pelikan, der es auf Pauls Trinkflasche abgesehen hatte.  Paul sprang aus dem Wagen, die Flasche fest in der Hand, der Pelikan hinterher. Jedenfalls ein paar Meter, dann gab der Vogel auf und steckte seinen Schnabel in einen Abfallbehälter. Bis hierhin: Alles gut. Innerlich klopfte ich mir auf die breite Papa-Schulter.

Fasziniert, dass der Pelikan-Hals im Papierkorb verschwand, fragte Helene: „Wird der nicht gefüttert?“ Darauf ich: „Vermutlich nicht!“ Ich schaute auf und jemand fehlte: Paulchen war verschwunden, ich schwitzte. Ehe ich Panik bekam, entdeckte ich ihn am Gehege der Gibbons, er war auf den Metallzaun vor dem Wassergraben geklettert und lachte, weil die kleinen beharrten Akrobaten über die Stangen ihres Geheges tänzelten. Franz tat es ihm gleich,  und gemeinsam feuerten die beiden die Äffchen an. Unter Riesen-Geschrei zerrte ich beide schließlich in den Wagen, denn Helene wollte ja ihre Giraffen, Elefanten, Zebras und Tiger sehen. Alle im Wagen, puh, nochmal gut gegangen.

Was ich nicht bedachte: Flutschfinger können noch interessanter sein als all die exotischen Tiere. Hinter der künstlichen Lama-Pampa begegnete uns der erste Eisstand. Ich holte tief Luft. Ja, ich würde standhaft bleiben. Ich hatte die Kraft. Heute würde es mal kein Eis geben, ich hatte einfach keine Lust auf dieses dreifache Eis-Geschmiere, ich wollte Tiere, sonst nichts. Ein Kompromiss musste her, sonst würden mir meine drei Bärchen gleich sämtliche Zootiere scheu machen, mit ihrem Gebrüll. „Kinder, es gibt jetzt kein Eis. Vielleicht später am Ausgang. Jetzt müssen wir erstmal schauen, ob der Tiger noch in seinem Stall ist oder ob er schon ausgerissen sei.“ Angstaugen, Eis kurzfristig vergessen, Situation gerettet.

Der Tiger saß in seiner Felsenhöhle, Helene reagierte erleichtert. „Jetzt kann er uns nicht töten!“ Die Jungs schrien vor Freude über das Tier, das sie bislang nur aus ihren Bilderbüchern kannten.  Überhaupt das Raubtierhaus: Puma, Panther, Jaguar und Leopard – alle waren sie zu Hause und lagen gelangweilt hinter den Gitterstäben. Die Jungs liefen von einem Käfig zum nächsten, wobei ich sie jedesmal daran hindern musste, sich bis auf mehr als einen Meter zu nähern – hätten sie gekonnt, sie hätten die Tiere zu streicheln versucht. Helene machte sich Sorgen um das wenige Wochen alte Panther-Baby. „Wo ist der Papa? Ist der schon tot?“ Ich sagte, die Mama sei bestimmt alleinerziehend, was Helene empört zurückwies: „Der Papa ist bestimmt draußen, Geld verdienen!“ Ich hätte jetzt eine kleine Picknickpause vertragen können, aber…

Wo waren die Zwillinge? Ich schaute links, schaut rechts, mein Herz raste – da hinten standen sie und winkten dem Tiger, der nach wie vor vollkommen unbeteiligt in seiner Felshöhle lag. Erleichterung. Vorbei an Präriehunden, Panzernashörnern und Rothunden ging es zum Spielplatz. Ein üppiger Abenteuerspielplatz mit Riesen-Rutsche. Für die Kinder ein Vergnügen – für mich…, naja.

Franz rannte gegen ein schaukelndes Kind, schrie, Paul kletterte die Leiter der Rutsche hoch. Oben, in gefühlten 15 Metern angekommen, traute er sich nicht zu rutschen, kam aber auch nicht wieder runter. Helene wartete am Mini-Karussell. Was machen? Franz trösten? Paul retten? Helene anschieben? Im Stile eines Feuwehrmannes entschloss ich mich, das bedrohteste aller Kidner zu erst zu versorgen, zwängte mich die Leiter hoch zum Rutsche-Turm und flitzte mit Paul – gegen seinen Willen – hinunter. Nummer eins gerettet. Dann tröstete ich den immer noch bitterlich weinenden Franz, Nummer zwei beruhigt, schließlich kämpfte ich für Helene einen Platz auf dem Karussell frei, Nummer drei glücklich.

Auf dem Weg zum Ausgang verdrehten Franz und Paul im Kinderwagen vor Müdigkeit die Augen. Helene bettelte um Eis, aber ausgerechnet am Ausgang fehlte eine Eisbude. Ihr Protest hielt sich trotzdem in Grenzen. Bis auf die Giraffen hatte sie alle ihre Wunschtiere gesehen. Das zählte an diesem besonderen Tag scheinbar mehr als ein Eis. Wie es mir ging, fragte natürlich keiner…

Ich hatte es geschafft, drei Kinder lebend durch einen Nachmittag im Tierpark zu bringen. Stolz wie ein Silberrücken wollte ich Lisa von unserem Erfolg erzählen. Als ich aber erstmal zu Hause angekommen war, da war aus dem Silberrücken flugs ein Faultier geworden. Das Sofa wurde an diesem Abend mein bester Freund.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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