Gelebte Idylle (Lisa)

Heute versuchte ich mir Lalelu-singend den Erfolg der Zeitschrift „Landlust“ zu erklären. Keine neue Zeitschrift ist in den letzten Jahren so eingeschlagen wie dieses „Ich-wünsche-mir-Harmonie“-Blatt des Landwirtschaftsverlags in Münster. Selbst in unserem sonst nicht gerade gut sortierten Kiosk in Prenzlauer Berg liegt das Blatt mittlerweile aus.

Ich versuchte also, die Kinder in den Mittagsschlaf zu singen, draußen hörte man das Plätschern der Regentropfen. Ich lag zwischen den Kinderbetten auf einer Couch und blätterte mich durch Marmeladenrezepte, Geranien-Artikel und Häkel-Anleitungen. Ich muss sagen: die Fotos haben eine tolle Qualität. Das ist es wohl auch, was die Leser so sehr von dem Blatt überzeugt und was sie verehrerische Leserbriefe á la: „Nichts ist schöner als Landlust“ schreiben lässt.

Im Editorial wird der Leser aufgefordert, einfach mal nichts zu tun, den Blick durch die Landschaft streifen zu lassen, wo doch sonst schon alles so hektisch ist in unserem Leben. Und genau damit greifen sie sich die Leser. Die haben plötzlich ein gutes Gewissen, wenn sie einfach mal nur rumsitzen („chillen“ würden Jugendliche heute sagen, aber das ist wohl eher nicht die Landlust-Zielgruppen-Sprache).

Kein Wort von der harten bösen Welt da draußen, von Börsen-Crahs und Klimawandel. Diese Redaktion agiert nach dem Motto: Alles wird gut und wir haben uns alle lieb. Es gibt Beilagen zu Grashalmen am Wegesrand (wirklich!) und Poster von Kräutersträußen. Die Zeit steht still und genau das ist es, wonach sich diese Leser scheinbar sehnen.

Während ich schon ganz eingelullt bin von den „schönen Gärten mit Landschaftsblick“ und den „tollen Blumen-Motiven für die Landlust-Postkarten“, da recken mir plötzlich die Kinder ihre Hälse entgegen: „Mäher, Mäher, Mäher“ rufen sie. Ich verstehe nicht sorfort, ich dachte, sie schlafen längst. Aber nein!

Auf der Rückseite des Landlust-Heftes befindet sich eine John Deere-Werbung für Rasenmäher-Träcker. Auch diese Bilder – gut ausgewählt. Wir werden sie nachher mal ganz harmoniosch ausschneiden und uns einen kurzen Idylle-Moment gönnen. Uns freuen, dass die Zeitschriften-Trecker einfach so schön grün sind und nicht nach verfaultem Gras riechen, für Heuschnupfen sorgen und Lärm machen, wie es im echten Leben der Fall ist. Was ist schon das echte Leben?

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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2 Antworten zu Gelebte Idylle (Lisa)

  1. Rike schreibt:

    Es ist tatsächlich so. LANDLUST ist wie drei Stunden Urlaub auf dem Land. Und seit ich auf selbigem wohne, lese ich sogar Blumenbeschreibungen und war ehrlich versucht, einen Naturholzzaun nachzubauen. Und meine Tochter (2) mag sie auch. Sie blättert sie komplett durch, weil so viele Tiere und großes Gerät abgebildet sind. Die Gala hingegen (die mir auch eine Stunde „andere Welt“ beschert), mag sie nicht. Lisa, versuchs mal. Lies die Beschreibungen der Grashalme! Die machen das klasse. Plötzlich wird ein Grashalm zu ganz großer Poesie.

  2. Tine schreibt:

    Das liest meine werte Mutter, mir war überhaupt nicht klar, dass es ein Bestseller ist! Ich kann trotz der netten Bilder mit Marmeladenrezepten und Anleitungen zum Kränze flechten so gar nichts anfangen. Ich habe sozusagen keine Landlust🙂

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