Zwei Jahre Zwillinge (Lisa)

Wissen Sie, wenn Sie heute morgen die Fotos der US-Astronautin Tracy Caldwell Dyson in der Presse gesehen haben, die nach 176 Tagen im All und in der Schwerelosigkeit nun endlich wieder Füße unter dem Boden hat und mit dem ganzen Gesicht in die Kameras strahlt, dann können Sie sich ungefähr vorstellen, wie ich am vorgestrigen Samstag gelächelt habe. Am zweiten Geburtstag unserer Zwillinge.

Zwei Jahre Schwerelosigkeit, oft ohne gefühlten Boden unter den Füßen – geschafft! Und jetzt fühlt es sich an, als seien wir angekommen. Zurück am Boden, zurück im Leben. Nicht mehr abgeschnitten von der Außenwelt. Nicht mehr eingeschlossen in unserem Mini-Familienkosmos aus Stillen, Wickeln, Schreien, Schlafentzug, sondern endlich wieder mit einem Gefühl der Freiheit, ab und zu sogar mit dem der Selbstbestimmtheit.

Ich hätte schon beim Frühstück losheulen können. Am Samstag. Vor Erleichterung. Was haben wir uns viele Nächte um die Ohren geschlagen! Ein Chaos-Haufen waren wir. Immer wieder erschüttert von Erkrankungen, Krankhausbesuchen, stationären Klinikaufenthalten, Operationen. Dazu die Doppel-Stillerei, die Eifersucht der großen Tochter, der wenige Schlaf. Das Gefühl, ein Mehlsack zu sein – emotionslos und so unbeweglich und schwer vor lauter Sorgen und Müdigkeit.

Natürlich hat sich die Welt in dieser Zeit weiter gedreht und ich träume nachts oft von Bussen, die ich knapp verpasse. Vielleicht aus der Angst, den Anschluss verpassen zu können. Die letzten zwei Jahre waren nicht leicht, um soziale Kontakte zu pflegen oder kulturelle Erfahrungen zu sammeln. Die letzten zwei Jahre haben uns in eine neue Welt katapultiert, die von manchen früheren Bekannten vielleicht so weit entfernt liegt wie die Welt, in der die oben genannte Astronautin in den letzten Monaten lebte. Wer weiß schon, welche Ängste sie da oben durchzustehen hatte, welche Platzangst sie womöglich hatte, ob sie ihre Freunde vermisst hat. Aber oft war die Situation wahrscheinlich zu aufregend, um überhaupt darüber nachzudenken.

Das war sie bei uns auch. Und erst jetzt fangen wir so langsam an, zu reflektieren. Was liegt hinter uns? Wer sind wir jetzt überhaupt? Und: Was kommt da noch?

Werfen wir mal ein kurzen Blick zurück über die linke Schulter:

Wir waren ein Paar mit einem zauberhaften Töchterchen. Wir entschlossen uns für ein weiteres Kind. Es kamen: zwei. Wir lernten, uns hauptberuflich mit Windeln und Feuchttüchern auseinanderzusetzen und dachten dabei oft an die guten alten Zeiten zurück. Wir akzeptierten eine neue Definition unserer Partnerschaft und wunderten uns immer wieder über den unmenschlich anmutenden Kraftakt des „Kinder-ins-Bett-Bringens“, ließen uns aber genauso gern von bis dato unbekannten Gefühlen überrumpeln, die nun immer häufiger ausschließlich positiv besetzt sind.

Jetzt sind die Kleinen also zwei. Die Große vier. Und für Nusenblaten werfen sie kaum noch nennenswerte Katatrophengeschichten ab (mal abgesehen davon, dass Franz am Wochenende fast von einer Löschwasserfontäne in eine Baugrube gespült worden wäre). Sie können laufen und sie können durchschlafen, was Rücken und Nerven gleichermaßen entlastet. Sie nennen sich „Budi“ (gegenseitig) und „Neni“ (die große Schwester Helene), sie sagen „Dati“, wenn sie „Danke“ meinen und sie sagen das oft. Sie lachen, wenn sie aufwachen, sie gehen gern in den Kindergarten und wir können in dieser Zeit Dinge für uns tun. Arbeiten, ins Kino gehen, schreiben, rumsitzen, stolz sein. Auf die Kinder. Auf ihre Entwicklung. Ihre Lebensfreude. Der Chaoshaufen hat sich verändert. Wir sind nun eine Familie.

P.S. Die Frage, was da noch kommt, werden wir Ihnen mit der Zeit hier auf Nusenblaten beantworten können. Wir sind gespannt.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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3 Antworten zu Zwei Jahre Zwillinge (Lisa)

  1. Jaegerin schreibt:

    Herzlichen Glückwunsch! Zum Geburtstag und zu diesem wunderschönen Text.

  2. Rike schreibt:

    Wie schön! ich verstehe auch langsam, warum die „Großen“ immer sagen „Mein Geburtstag ist mir nicht mehr so wichtig!“ Weil nämlich plötzlich die Geburtstage der eigenen Kinder eine riesige Bedeutung erlangen. Am Geburtstag unserer Kinder sollten wir UNS auf jeden Fall auch feiern!

  3. Pingback: 4 Jahre Zwillinge (Lisa & Markus) | Nusenblaten

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