Radkappenlecker (Markus)

Diese Geschichte spielt nicht in Prenzlauer Berg, sondern in Lichterfelde, ganz im Südwesten Berlins. Es geht auch nicht um Kinder, sondern um einen erwachsenen Mann. Trotzdem hat diese Geschichte im weitesten auch mit Kindern zu tun, denn die Frage ist: Wie erklärt man seiner vierjährigen Tochter, was uns soeben widerfahren ist, als wir im Auto auf der Goerzallee an einer Ampel warteten?

Ein junger Mann, die Jacke zerrissen, die Hose offen, der Blick unsicher, verängstigt. Mit pirschendem, aber schnellem Gang näherte sich dieser Mann dem silbernen Geländewagen vor uns, ging am vorderen Kotflügel auf die Knie und leckte die Radkappe. Ja, er leckte diese schmutzig-schwarze Radkappe. Erst als die Ampel grün wurde, hupte der Fahrer. Der Mann ließ ab von der Kappe und hechtete zurück auf den Fahrradweg, den ein Grünstreifen von der Fahrbahn trennte.

Mindestens ebenso überraschend wie dieser Radkappenlecker war das Verhalten des Autofahrers. Er ließ den Mann, der sich an seinem Kotflügel zu schaffen machte, gewähren. Er hupte erst, als die Ampel auf Grün sprang und er weiterfahren wollte. Nicht, dass der Radkappenlecker das Auto beschädigt hätte, aber es gibt eben auch Besitzer silberfarbener Geländewagen, die sehr eigen sind mit ihren Fahrzeugen.

Wir hatten das Glück, an der nächsten Ampel neben dem soeben per Zunge gesäuberten Auto zu stehen. Der Fahrer feixte, schlug mit der Hand vor Freude immer wieder auf sein Lenkrad. „Ja, ja“, sagte er dann gelassen, als ich das Fenster runterkurbelte. „Den kenn’ ick schon. Der leckt alles: Radkappen, Motorhauben, Kotflügel. Immer hier, immer an dieser Stelle.“

„Papa, warum hat der Mann das Rad abgeleckt?“ Diese Frage hätte Helene vermutlich gestellt. Sie tat es nicht. Denn sie war Gott sei Dank an diesem Morgen im Kindergarten.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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