Überbehütet (Markus)

Den Müttern und Vätern in Prenzlauer Berg wird ja gelegentlich nachgesagt, sie praktizierten einen überbehüteten Erziehungsstil. Diejenigen, die das behaupten, tun das meist mit einer gewissen Häme – was natürlich nicht bedeutet, dass sie nicht auch ein bisschen Recht haben mit dem, was sie sagen. Das Überbehütete zeigt sich etwa manchmal auf den Spielplätzen des Stadtteils. Väter zwängen sich auf Teufel komm raus mit ihrem Nachwuchs auf Klettergerüste und Holzboote, rutschen, obwohl die Rutsche manchmal nicht einmal breit genug ist für den Kinderpopo. Hauptsache immer dabei, immer in der Nähe, immer beschützend – Heimo (5) könnte ja über die Stufe zur Bootskajüte stolpern oder in eine Auseinandersetzung mit Konrad (4) geraten. Papa ist dann Schlichter, Ombudsmann und großer Bruder zugleich. Heimo soll schließlich spielen (und dabei kreativ sein) – und sich nicht kloppen.

Damit hier kein falscher Zungenschlag entsteht: Wahrscheinlich wirken Lisa und ich auf Beobachter nicht weniger behütend, wenn wir mit unseren Kindern auf Spielplätzen unterwegs sind. Das ist dann wohl das Prenzlauer-Berg-Gen.

Wie wohltuend war es, als wir neulich eine entfernte Bekannte mit ihren beiden Kindern trafen. Sie lebt seit ungefähr einem Jahr in Berlin und arbeitete zuvor als Entwicklungshelferin in einer von Kriegen und Krisen zerschundenen Region in Uganda. Ihre Kinder, erzählte sie, waren in Afrika den ganzen Tag draußen. Und immer unterwegs. Mit anderen, einheimischen Kindern erkundeten sie das Buschland, die Dörfer. Irgendwie achtete jeder auf jeden. Und unsere Bekannte machte sich offenbar wenig Sorgen, dass etwas hätte passieren können.

Wir trafen sie und die Kinder also in Berlin, auf dem Kinderbauernhof Pinkepanke, um genau zu sein. Zwischen Gänsen, Eseln, Schafen, Klettergerüsten und alten Autos, auf die die Kinder klettern konnten. Wir tranken Kaffee, und irgendwann hatten wir ihre vierjährige Tochter aus den Augen verloren. „Sie taucht schon wieder auf“, sagte unsere Bekannte – und blieb äußerlich und wohl auch innerlich völlig gelassen. Auch einige Minuten später war bei ihr kein Anzeichen von Sorge zu erkennen. „Die kommt schon wieder.“ Als die Kleine auch nach zehn Minuten nicht zu sehen war, stand unsere Bekannte auf und sagte mit einer bewunderswerten Coolness: „Vielleicht ist sie ja nach Hause gegangen!?“ Das Zuhause lag rund 30 Fußminuten entfernt.

Ich dachte, sie meinte es ernst und machte mir Sorgen. Nach Hause? Durch halb Pankow? Allein und zu Fuß? Unsere Bekannte aber lächelte und blieb weiterhin gelassen. Ein, zwei Minuten später stand das Mädchen plötzlich vor uns. Sie hatte Hunger, fragte nach Salzstangen und verschwand wieder. Sie lief zurück zu einem Bretterverschlag, hinter dem sie zuvor gespielt hatte, und wo man sie nicht sehen konnte.

Ihre Mutter hat den kleinen Vorfall wahrscheinlich längst vergessen (oder hätte ihn nie als solchen bezeichnet). Aber sie lebt ja auch noch nicht so lange in Prenzlauer Berg.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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Eine Antwort zu Überbehütet (Markus)

  1. Tine schreibt:

    Puh, bei über 10 Minuten wäre ich nicht mehr gelassen… Man ist ja in der Stadt nun mal nicht auf weitem Land, auch nicht auf Pinke Panke. Aber eine 4jährige meistert das vielleicht schon? Ich weiß nicht, wie ich in 2, 5 Jahren drauf bin, aber ich hechte dem Kind auf dem Spielplatz nicht permanent hinterher. Stichwort Freies Spiel. Bedeutet manchmal auch Elternfrei🙂

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