Haben oder nicht haben (Lisa)

Der Run auf die Stäbe ist eingeläutet und ich frage mich ernsthaft, ob das in anderen Bundesländern wohl auch so ist, wie hier bei uns. Anfang November ist ja nun einmal das St.-Martins-Fest. Das wird hier in Prenzlauer Berg in jeder Krippe, Kita und Schule gefeiert und hat einen anderen Namen als anderwso: Laternenfest. Sie wissen schon, multikulti und so, da kann man doch das Fest nicht altmodisch christlich mit dem heiligen Martin verbinden, da würden sich ja die nicht-christlichen Kinder ausgeschlossen fühlen. (Vielleicht sollten wir uns für Weihnachten auch einen neutraleren Begriff ausdenken?).

Na jedenfalls bedeutet dieses Fest für die Eltern eine Menge Stress und Ausdauer. Es geht damit los, dass man mehrere Nachmittage auf winzig kleinen Stühlen einer Kinderbetreuungseinrichtung verbringt und sich mit Kleister und abfärbendem Krepppapier die Klamotten versaut. Wer mehrere Kinder hat, darf gleich in mehreren Einrichtungen basteln und die besondere Schwierigkeit liegt darin, das jeweilige Gewschwisterkind zu beaufsichtigen, das eben an diesem besonderen Nachmittag nicht mit Basteln dran ist. Denn das merkt natürlich genau, dass man mit verkleisterten Händen schlecht eingreifen kann, wenn die frisch gestrichene Kitawand mit Edding vollgekritzelt wird… Nun gut. Irgendwann hat man auch dieses Problemchen bewältigt und die tropfenden Kleister-Matsch-Laternen werden bunt und fröhlich an eine Wäscheleine gehängt. Doch damit nicht genug, denn jetzt beginnt der „gemütliche“ Teil.

Die Eltern-Kinder-Kaffee-Kakao-Stunde wird eingeläutet. Vor lauter Kinder-Erwachsenen-Erzieher-Wusel und schlechter Luft in kleinen verkleisterten Räumen mag man grad Platzangst bekommen, als man mit dem Kopf gegen die frisch gekleisterte Laternen-Wäscheleiste stößt. Es ist laut, stickig und die Kinder schreien vor Reizüberflutung, der Kleister in den Haaren wird langsam fest und fester. Hat man den Nachmittag überlebt, kommt sicherlich bald der nächste für das nächste Kind. Ist auch das irgendwann geschafft, geht die Raserei aber erst richtig los.

Denn: Jede Laterne braucht einen Laternenstab. Nach Meinung unserer Kinder sollte der möglichst aus jeder Pore glitzern und blinken. Nur: Sobald ein Laden in Prenzlauer Berg Laternenstäbe anbietet, pilgert die gesamte Elternschaft dort hin. Nach spätestens zehn Minuten ist das gesamte Sortiment leer gekauft. Wir Mütter sehen schon unsere weinenden Kleinen beim Laternenzug: die einzigen Kinder ohne Leuchtstäbe in der Laterne. Geht natürlich nicht. Also haben wir Kita-Eltern ein Schneeballsystem eingeführt: Sobald jemand einen Laden mit Laternenstäben sieht, wird ein Elternteil nach dem anderen umgehend darüber informiert. Leider haben sich das wohl die anderen Eltern auch so gedacht.

Gestern, ich kam mit meinen totmüden Kids von einer Kinderarztkontrolle, da sah ich in einem 1-Euro-Ramschladen auf der Schönhauser Allee plötzlich das Unfassbare: Laternenstäbe! Günstig! Mindestens zehn Stück! Ich hielt mit einer Vollbremsung und quietschenden Reifen, drängte eine ebenfalls interessierte Mutter zur Seite (muss manchmal sein) und kaufte. Laternenstäbe. Allesamt. Man weiß ja nie, ob nicht doch noch einer kapput geht. Oder ob wir einem armen anderen Kind zum Martins-Kleister-Laternenfest noch mit einem Stab aushelfen können – falls seine Mutter nicht das Glück hatte, noch eines der begehrten Objekte abzubekommen.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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4 Antworten zu Haben oder nicht haben (Lisa)

  1. Glück gehabt;-) Freunde in Erfurt sammeln Neujahr immer die Stäbe der abgefeuerten Raketen ein. Eignen sich ihrer Aussage nach gut zum Basteln. Auch für Laternenstäbe. Und dann ist der Domplatz voll von 10.000 Laternen. Jedes Jahr einer der schönsten An- und Augenblicke in Erfurt. Wenn dann auf den Domtreppen die Martins-Geschichte nachgespielt wird. Hinterher dann nach Hause oder ins Lokal. Martinsgans essen. Einer meiner Lieblingstage im Jahr…

  2. Tine schreibt:

    Äh, gut dass Du’s sagst. Ich brauch noch einen Laternenstab. Mist.

  3. Jaegerin schreibt:

    Und die beiden, die ich hatte – sind nach nur einem Lambertussingen hinüber …
    Auch Mist!

  4. Anne schreibt:

    Könnte das multikulturelle Laternenfest seinen Namen nicht auch der Tatsache verdanken, dass christliche Traditionen in Ostdeutschland – wozu Prenzlauer Berg ja doch irgendwie immer noch gehört, und wo nicht zuletzt viele seiner Erzieherinnen herkommen – nicht so en vogue waren?

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