Abendstund hat Dreck im Mund (Lisa)

Es gibt Tage, die man gern schnell vergessen möchte und genau das Gegenteil tritt ein: Man wird sie nicht mehr vergessen.

Da konzentrierte ich mich gerade am Esstisch auf die Zeichnerei meiner Tochter, als ich eben etwas aus der Küche holen wollte. Dort stand Franz und guckte erschrocken. Er hatte sich einen Stuhl an die Anrichte geschoben und schlug Eier auf. Ich sah zunächst einmal nur Eierschalen. Überall. Er schlug soeben das zehnte und letzte Ei aus der Packung auf einen Tellerrand. Alles matschte und schleimte auf der Anrichte. Franz war aber schlau genug gewesen, vor seiner Eierschlacht alle Schubladen der Einbauküche zu öffnen, so dass der Eierschleim von der Anrichte in die oberste Schublade mit den Töpfen und von dort in die untere Schublade mit sämtlichen anderen Küchenuntensilien tropfte. Ein zähflüssiger Wasserfall.

Sie wissen, wie lustig es ist, Eierpampe wegzuwischen? Sie flutscht in jede erdenkliche Richtung, bevor sie aufgibt und sich vom Trockentuch wegwischen lässt. Ich versuchte, ruhig zu bleiben. Nahm den von oben bis unten versifften Kerl vom Stuhl, hielt ihn unter den Wasserhahn und kochte aus den wenigen Eiern, die den Teller getroffen hatten, Rührei. Es war schon Abend. Ich verteilte das Rührei auf drei kleine Schälchen und gab jedem Kind eines in die Hand. Sie sollten essen, während ich die Sauerei beseitigte. Als die Küche wieder glänzte und sämtliche Töpfe in der Spülmaschine standen, trat ich in den Flur und sah zwischen den Dielen, an den Wänden und auf dem Garderobenschrank lauter kleine Rührei-Knödel. Ha! Wieso sollen wir denn essen, wenn es viel lustiger ist, Eier-Konfetti durch die Gegend zu werfen?

Ich holte also das Kehrblech und versuchte, den Boden wieder betretbar zu machen. Ich kehrte durch den Flur, durch das Wohn- und durch das Esszimmer. Als ich wieder im Flur ankam, lag dort schwarzer undefinierbarer Nass-Matsch. Paul hatte den Kaffeefilter aus dem Mülleimer geholt und sich ein Schlammbad gebaut. Ich kniete nieder. Setzte mich auf den Boden, das Kehrblech in der einen, meinen Kopf in der anderen Hand und versuchte diese Situation nicht zu sehr an mich heranzulassen, sie von außen zu betrachten. Ich schluckte einen gellenden Urschrei hinunter und atmete tief durch, als Helene um die Ecke bog und mir zur Aufheiterung ein Geschenk reichte. „Hier Mama, für Dich“, sagte sie freudestrahlend. Sie gab mir einen DIN-A-4-Briefumschlag. Sie hatte sämtliche 145-Cent-Briefmarken aus dem Büroschrank darauf geklebt.

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Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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2 Antworten zu Abendstund hat Dreck im Mund (Lisa)

  1. Jaegerin schreibt:

    Komm gib es zu: Das war jetzt frei erfunden – oder zu schön um wahr zu sein.

  2. Zioppizopp schreibt:

    Oh je oh je oh je! Ich sitze tränenüberströhmt vor verkniffenem Lachen (Großraumbüro!) vor dem Computer und werde jetzt bestimmt öfter auf Deinem Blog vorbeischauen. Aber nicht mehr vom Büro aus. Der Kollege guckt schon komisch.

    Schöne Grüße,
    Stefanie

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