Nacht-Gespenster (Lisa)

Es ist soweit. Meine Gedankenwelt hat sich nun tatsächlich der meiner Kinder angepasst, ich höre in der Nacht die Fensterläden klappern, der Wind pfeift durch den zugigen Dachboden und ich denke an: Gespenster. Meine Vorstellung ist da sehr Caspar-artig kommerziel, ein freundliches Rundgesicht mit einem weiß-transparenten Kleidchen, das zum Boden hin schmaler wird. So sieht das Gespenst aus, dass heute nacht durch meine Gedanken schwebte. Ich liege nachts nicht gerne wach, ich hätte die klappernden Läden auch gar nicht bemerkt, wenn nicht Helene um halb vier in der Früh einen panischen Schrei abgesondert hätte: „Maaaaamaaaaaaaaaa“. Ich sprang auf, rannte wie schlafwandelnd zu ihr ans Bett und sie sagte ganz ruhig, als hätte es den Schrei nie gegeben“: Ich muss mal pullern.“   Selbstverständlich hatte sie Franz mit ihrem Lärm geweckt, der quakte heiser aus seinem Gitterbettchen. Ich streichelte ihm den Kopf, deckte Helene wieder zu und ging zurück in mein Zimmer, in meinem Bett lag schon Paul, der am Vorabend nicht hatte einschlafen können. Dann lag ich wach. Was da los war über mir! Dachte ich. Ich hörte es Sausen und Knacken, dann ein Wimmern. Es war kein Geist, es war Helene, die auch nicht schlafen konnte. Ich ging zu ihr, das merkte Paul, der begann so zu schreien, dass auch Franz wieder aufwachte und so verbrachte ich die nächsten anderthalb Stunden mit dem Hin- und Herlaufen zwischen drei schreienden Kindern, 80 Mal oder acht Mal, jedenfals zu oft mit nackten Füßen auf kaltem Boden. Meine Laune wurde immer mieser, ich holte Paul mit in Helenes Bett, er fand das blöd. Ich brachte ihn zurück, die anderen beiden schrien, es war zum verzweifeln und was tat ich? Verzweifeln. Wirklich. Ich verfluchte alles und jeden, motzte die Kinder an, sie sollten jetzt sofort und endlich schlafen, dazu sei die Nacht schließlich da und legte mich irgendwann einfach zurück in mein Bett, hielt das Kopfkissen über mein Gesicht und schluchzte hinein. Nachts konnte die Welt so ungerecht sein. Dann plötzlich wunderte ich mich über die Ruhe. Was war da los? Der Dachboden knarzte nicht mehr, der Wind hielt inne. Ich dachte schon, jetzt würde ich endlich in Ruhe schlafen können, als ich ein zartes Tapsen hörte und ein kleines Gespenst in Form meiner Tochter unter meine Bettdecke kroch. Ich schlief den Rest der Nacht auf einem halben Quadratzentimeter als Fleischscheibe zwischen Sandwichbrot 1 (Paul) und Sandwichbrot 2 (Helene). Die Geister schnarchten nun und ich dachte mir diese Zeilen aus. Gott sei Dank hatte diese ganze Qual einen Sinn, dachte ich. Für Nusenblaten. Wenigstens.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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