Mein Lied zu Weihnachten (Lisa)

Ich kann nicht gut über Beziehungen reden. Ich werde dann rot und beginne zu stottern. So wie dieser Graf von der Band Unheilig. Der stottert auch, wenn er reden soll. Nur wenn er singt, stottert er nicht. Also versuche ich es heute auch mal mit Liedern, denn: ich möchte heute über Gefühle erzählen. Es geht um ein Verhältnis. Um die Beziehung zwischen mir und Weihnachten.

Lasst uns froh und munter sein

Ehrlich gesagt, wir haben nichts gegeneinander. Wir haben sogar ein ganz besonders Verhältnis, das Weihnachtsfest und ich. Besonders muss ja nicht heißen: harmonisch. Kann ja auch heißen: leidenschaftlich. Oder. hassliebend. Jedenfalls ist mir Weihnachten nicht so gleichgültig, wie ich das gern hätte. Ich habe bis heute den Strampler aufgehoben, den ich von meinem Taschengeld kaufte, weil meine Puppe das Jesuskind in der Christmette spielen durfte. Ich war stolz auf sie, hatte ich persönlich doch mal wieder nur die Rolle eines Baumes abbekommen hatte.

Kling, Glöckchen, Klingelingeling

Nach der Christmette hatten wir es natürlich eilig, nach Hause zu kommen. Dort sangen wir Weihnachtslieder in der Großfamilie und irgendwann ging mein Großvater währenddessen immer aufs Klo und – oh Wunder – plötzlich hörten wir das Weihnachtsglöckchen, das unsere Lieder mit einem sanften „Klingelingeling“ unterbrach. „Das Christkind ist da!“, riefen wir Kinder und sprangen aufgeregt von unseren Stühlen. Der Opa kam vorgeblich nichts ahnend auf uns zu und fragte mit seiner reifen Schepperstimme: „Was ist denn hier los?“ und wir Kinder riefen wieder: „Das Christkind ist da!“

In der Weihnachtsbäckerei

Den Toilettengang meines Opas verbinde ich also viel eher mit Weihnachten als zum Beispiel spezielle Gerüche. „Es duftet nach Weihnachten!“, heißt es doch immer so schön in der Werbung. Was soll das heißen? Nach Bratenfett? Nach meinen verbrannten Keks-Versuchen? Oder nach Kardamom und Nelken? Nelken jedenfalls sind mein persönlicher Horror, weil ich mit ihnen einen widerlichen Tee verbinde, den ich am Ende meiner Schwangerschaften trinken sollte, um die Zwillinge aus mir raus zu zwingen. Mit Lebkuchen, Christstollen und Spekulatius kann ich auch nichts anfangen. Das macht es ja grad so schwierig zwischen Weihnachten und mir.

Oh Tannenbaum

Nach dem Glöckchenklingeln stand im Wohnzimmer dann der Baum mit seinen echten Kerzen, auf die meine Familie bestand, obwohl wir in einem Jahrhundertwende Haus aus Holz wohnten. Wir stellten uns vor die Krippe, in der ein winziges kleines Rotlicht über dem Jesuskind brannte, das von einer überdimensional großen Batterie betrieben wurde. Technik, die begeisterte. Ich war noch nicht viel größer als der Feuerlöscher neben mir und wir sangen gemeinsam.

Ihr Kinderlein kommet

Vor dem Weihnachtsbaum standen wir in unseren schicken Kleidchen und Anzügen und sangen „Ihr Kinderlein kommet“. So war das Ritual. Danach las Oma aus der Weihnachtsgeschichte und wir Kinder wackelten von Pobacke zu Pobacke um endlich zu den Geschenken zu dürfen. Heute ist das alles anders. Der erwartete Zauber kann schnell zur Herausforderung werden, wenn amazon das Hauptgeschenk für deine Kinder wegen Lieferschwierigkeiten doch erst im neuen Jahr schicken kann oder der Braten im Ofen welk und trocken vor sich hin vegetiert. Und „Ihr Kinderlein kommet“ ist in unserer Familie verboten, seit ich innerhalb von zwei Jahren drei Kinder bekommen habe. Das Lied ist Teil unserer persönlichen weihnachtlichen No-Go-Area.

Am Weihnachtsbaume, die Lichtlein brennen

Nach der Bescherung gab es immer Champagner und lecker Essen. Opa war nicht nur sehr durstig an solchen Tagen, sondern auch sehr hungrig. Als er sich eines Weihnachtsabends so sehr verschluckte, dass wir ihm den Rücken klopfen mussten, da sagte ich vorlaut: „Mensch Opa, nun schling doch nicht so.“ Danach konnte er nicht mehr selbständig aufstehen und wir riefen den Notarzt. Die Lichtlein des Krankenwagens brannten und Opa fuhr mit Tatütata ins Hospital. Ein Schlaganfall. Na, merry christmas.

Leise rieselt der Schnee

Weihnachten war ja immer etwas besonderes in unserem Hause und so gab es Regeln, die ganz besonders besonders waren. Mein großer Bruder und ich durften nämlich ab einem gewissen pubertären Alter abends immer noch mit unseren Freunden zusammen feiern. Wir trafen uns im Kinderwohnzimmer einer befreundeten Familie mit allen Kumpels und fuhren mit ihnen später gemeinsam zur „Nikolaus sucht Nikola“-Party in die Stadt, wo der Schnee nicht leise rieselte, sondern laut durch die Nase gezogen wurde. Einen Nikolaus suchte ich dort vergebens.

Stille Nacht, heilige Nacht

Meinen Nikolaus traf ich dann später im Büro und damit wurde mein Verhätnis zu Weihnachten noch einmal auf eine harte Probe gestellt. Dann hieß es plötzlich: Zu dir oder zu mir? Sprich: Nach Hause oder zu den Schwiegereltern in spe? Nach der Geburt unserer Kinder wurde es noch komplizierter. Welche Oma kriegt den Zuschlag und darf sich an den leuchtenden Kinderaugen bereichern? Welcher Opa darf uns Geschichten von früher erzählen und die Gläser kräftig nachfüllen? Schwierig, denn: Darum geht es doch eigentlich. Die Kinder strahlen zu sehen über ihre neue Hello Kitty“- oder „Bob der Baumeister“-Ausstattung.

Morgen, Kinder wird’s was geben

Bislang haben wir es so gemacht, dass wir jedes Jahr woanders waren. Dieses Jahr halten wir es genauso. Mit dem einen kleinen Unterschied: wir besuchen niemanden und feiern einfach zum ersten Mal allein, zu zwei Erwachsenen und drei Kindern, in den eigenen gemieteten, aber trotzdem geliebten vier Wänden. Wir brauchen doch keine Wald-und-Wiesen-und-Schnee-Romantik. Pah! Wir haben es hier doch auch schön an unserer vierspurigen Straße in Prenzlauer Berg. Viele bunte Lichtlein von „Tatütata-Autos“ und Abschleppwagen. Und die Leute vom Ordnungsamt, die zur Zeit täglich über 100 Knöllchen schreiben – die haben auch immer so schöne leuchtende Westen an. Aber ich beginne schon wieder zu seufzen.

Mensch Weihnachten, wieso muss das alles so kompliziert sein zwischen uns? Wir können doch über alles reden. Ich schlage einen Deal vor: Du lässt mich dieses Jahr weitesgehend in Frieden. Dafür höre ich auf, zu singen. Jetzt.

F-r-r-rohe W-w-w-weihnach-ch-chten!

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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2 Antworten zu Mein Lied zu Weihnachten (Lisa)

  1. ankelilli schreibt:

    Hallo nach Berlin!

    Göttlich! Mein Mann und ich haben Tränen gelacht. Der Schreibstil ist genial und die Inhalte– oh Parallelen ohne Ende. Vor allem der Teil mit dem Zimt, den Nelken und dem Tee…. Argh!

    DANKE für diesen Beitrag.

    LG Anke und Matze

  2. Rike schreibt:

    Jetzt wollen es alle nusenblaten-Fans natürlich wissen: Hat Dich Weihnachten in Ruhe gelassen?

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