Downtown Prenzlauer Allee (Lisa)

Ja, wir haben schon gefährliche Dinge erlebt in dieser Stadt. Wir haben zum Beispiel Silvester Fleischfondue gemacht, Markus und ich und die Kinder. Es ist vielleicht nicht unbedingt das beste Essen für zwei zweijährige Draufgänger und eine hungrige Vierjährige, wenn immer nur ein einziges Stückchen Fleisch fertig wird und das neue erst noch gekocht werden muss. Hungääääär. Außerdem haben wir diverse Male das Ketchup fast mit der Brandsalbe verwechselt, die wir für Notfälle direkt neben dem Fonduetopf plazierten. Auuuaaa. Aber das war an Gefährlichkeit nichts gegen das, was ich heute morgen erlebt habe.

Ich hatte gerade die Kinder zur KiTa gebracht, hatte irgendwie ein blutendes Mutterherz, weil sie gestern nach sechs Wochen zum ersten Mal wieder hingegangen waren und am Nachmittag so wahnsinnig überdreht und müde waren, ganz anders als in den letzten Wochen, in denen ich eine intensive Zeit zu Hause mit ihnen verbracht hatte. Ich fühlte mich in diesen Wochen teilweise wie frisch verliebt. Diese warmen Körper, deren Muskeln jeden Tag kräftiger werden, dieses von vorne und hinten gleichzeitig gedrückt werden. Ich hab´s genossen. Und ich genoss auch die Erkenntnis, dass ich das alles nahezu allein gestemmt bekommen habe, trotz Job und Studium und Weihnachten und Silvester und sowieso.

Nun war also wieder KiTa dran und ich dachte so über meine köstlichen Kids und mein schlechtes Gewissen nach, als ich auf dem Rückweg an der Post vorbeikam. Ein maskierter Mann ging direkt an mir vorbei, hinein in die Filiale. Die Maske (hautfarben, eng anliegend) hatte er über den ganzen Kopf gezogen, die Augen waren frei, aber mit einer Sonnenbrille verdeckt, der Mund war aufgeschnitten und irgendwie sah es aus, als hätte er sich mehrere Rasierklingen senkrecht in die Mundöffnung der Maske gebaut. Gruselig.

Der Maskenmann betrat also die Filiale, blieb recht weit vorn an den Breifumschlägen stehen, ich sah das Gesicht einer besorgten Kundin. Ich blieb draußen und hielt die Stellung, erlebte mein persönliches Aktenzeichen XY. Erst nach 20 Minuten verließ der Maskenmann die Filiale, seinen Rucksack hatte er nun nicht mehr auf dem Rücken, sondern in der Hand, seine Maske hatte er sich bis zum Hals runtergezogen, aber die Sonnenbrille noch an. Er ging bei Rot über die viel befahrene Prenzlauer Allee, hielt einen weißen Briefumschlag in die Luft. Niemand verfolgte ihn, es gab kein Tatütata. Es war kein Bankräuber. Es war ein Verwirrter. Offensichtlich.

Aufgewühlt stieg ich in die Straßenbahn nach Hause. Ich war froh, meine Kinder in Sicherheit zu wissen. In der KiTa. Und hatte kein schlechtes Gewissen mehr.

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Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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