Schwaben rein und raus (Markus)

Schwaben gelten als fleißig, ein bisschen spießig, im Bundesvergleich relativ wohlhabend und seit Stuttgart 21 als protestwillige Bürger, die sich nicht alles gefallen lassen, was die Obrigkeit so ausheckt. Als besitzergreifend und okkupationswillig gelten Schwaben eigentlich nicht. Oder doch?

Bei alteingesessenen Prenzlauer Bergern ist Schwabe seit einiger Zeit ein Schimpfwort, ein ziemlich gängiges noch dazu. Wer in einer alten Eckkneipe mit schwäbischem Tonfall nach einem Pils fragt, wird im besten Falle einfach ignoriert. „Schwaben raus“ war vor einiger Zeit an Hauswänden, Trafohäuschen und Gehwegen zu lesen. Woher diese Wut? Schwaben sind Inbegriff geworden für die zugezogenen Wessis mit akademischen Berufen, gutem Einkommen, vielen Kindern und manchmal wohl etwas sonderbaren Erziehungsformen. Schwaben, so das gängige Vorurteil, können anders als die „Einheimischen“ die hohen Mieten zahlen, die inzwischen in manchen Teilen Prenzlauer Bergs verlangt werden. Das führt dazu, dass manche Alteingesessene raus müssen aus ihren Wohnungen und aus dem Kiez, sie können bei den verlangten Preisen nicht mithalten. Das schürt Wut auf die Neuen.

Nun wohnen mindestens genauso viele Wessis aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachen und Schleswig-Holstein in Prenzlauer Berg, auch sie verdienen oft gut und leisten sich teure Dachgeschosswohnungen. Das sie nicht das bevorzugte Ziel der alteingesessenen Wutbürger aus Prenzlauer Berg sind, hat nur einen einzigen Grund: Sie sprechen weniger Dialekt. Man hört ihnen ihre Herkunft also nicht an.

Vor einigen Tagen bin ich mit unseren drei Kindern einmal um den Block spaziert. Es war später Nachmittag und schon dunkel. Auf einem eher breiten Teil des Gehwegs herrschte mich plötzlich ein älterer Mann an. Dem Tonfall nach war er Berliner: „Ihr seid eine Seuche! Könnt nicht mal Platz machen mit Euren Kindern.“  Ich verstand zunächst nicht. Er pöbelte weiter: „Früher hätte man hier zu den Kindern gesagt: Macht mal Platz!“ Ich sagte ihm, der Gehweg ist doch breit genug. Darauf er: „Geht nicht um den Gehweg, geht um die Kinder!“ Und dann kam der Satz, der so oder so ähnlich oft kommt, wenn alte und neue Prenzlauer Berger aneinander geraten: „Hast wohl Sehnsucht nach Schwaben, wa?“

Helene fragte mich, was der Mann wollte. „Keine Kinder!“, antwortete ich. Darauf sie: „Muss er doch auch gar nicht haben!“

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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2 Antworten zu Schwaben rein und raus (Markus)

  1. Thorstena schreibt:

    Also, ich kenne da einen Bayern, der pupt die ganzen „Schwaben“ im Prenzlauer Berg gerne im tiefsten Dialekt an. Was ich damit sagen will: Nach meiner Erfahrung wird „Schwabe“ im Prenzlauer Berg weder nur von Alteingessenen noch (ausschließlich) für die Bezeichnung deutscher Stammeszugehörigkeit verwendet – hat sich eher für die Leute eingebürgert, die mit den unangenehmen Seiten der Gentrifizierung in Zusammenhang gebracht werden (es soll ja sogar Ossis geben, die gut verdienen…)

  2. Pingback: Platz 47 (Lisa) « Nusenblaten

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