Erziehungs-Amok (Lisa)

Ich bin eine Weichei-Mutter. Drill, Leistungsdruck, Exzellenzanspruch gehören nicht zu meinem Erziehungsplan. Laut der Chinesin Amy Chua ist allein das schon ein Vergehen an unseren Kindern. Denn wir wüssten ja, „dass nichts Spaß macht, solange man nicht gut darin ist.“ Es gebe also nur einen einzigen Weg: „Beharrliches Üben, Üben, Üben“. Das sei entscheidend dafür, ob sie exzellent würden.

Wir dummen Eltern aus der westlichen Welt.

Wir denken doch immer nur an die Psyche unserer Kinder. Dabei sollte die Reaktion auf ungenügende Leistungen laut der Autorin stets aus dem Tadeln, Bestrafen und Beschämen der Kinder sein. Nur durch Drill und grenzenlose Disziplin würden sie erfolgreich und nur wer erfolgreich sei, erfahre Anerkennung. All das steht so in dem Buch „Die Mutter des Erfolgs“, das in dieser Woche im Verlag Nagel und Kimche erscheint. Wer schlechte Noten schreibe, habe eben nicht genug getan.

Meine Tochter ist vier. Sie darf Freundinnen besuchen, wann sie will. Sie darf sich später aussuchen, welches Instrument sie lernen möchte und sie wird für eine Drei in Mathe mit keiner Strafe rechnen müssen. Genauso werde ich es mit meinen Söhnen handhaben, wenn sie in das Alter kommen. All das durften die zwei Töchter (mittlerweile 14 und 18) der Autorin aber nicht. Nächtelang hat die Mutter sie scheinbar mit Partituren am Klavier gequält, mit dem Anspruch, das Stück am nächsten Tag perfekt zu können. Die Verbotsliste war lang.

Niemals TV, als Instrument durften sie nur zwischen Geige und Klavier wählen, die Freizeit wurde vollgestopft mit Übungsplänen. Beschwerden wurden nicht akzeptiert. Und mit welchem Recht? Mit dem, dass die Statistik besagt, dass die chinesischen Schüler im internationalen Vergleich besser abschneiden als die Jugendlichen aus anderen Teilen der Welt. Und weil ihre Töchter ihr dankbar seien, wenn sie schließlich etwas Schwieriges gemeistert bekommen.

In den USA, wo das Buch schon erschienen ist, gab es heftige Erziehungsdebatten zwischen Befürwortern und Ablehnern, die Amy Chuas Buch als Pädagogik-Amok bezeichneten. Und es ist tatsächlich recht einfach, ihre Argumente zu entkräften. Amy Chua argumentiert mit Statistiken. Damit, dass die chinesischen Schüler weltweit am besten abschneiden. Halten wir doch einfach mal eine andere Statistik dagegegen. Laut  Internetdienst China Observer (Sept 09) hat nach einer Umfrage fast jeder vierte chinesische Student schon einmal an Selbstmord gedacht. Und schlimmer noch: Experten sagten, dass Selbstmord dort sogar „die häufigste Todesursache bei 15 bis 34-Jährigen sei“. Laut einem Artikel der WELT von 2007 sind in „keinem anderen Staat der Welt die Zahlen der Selbstmorde so hoch, nehmen Stress-Schäden, Nervenkrankheiten und chronische Schlafstörungen so rasch zu“. Der Druck, perfekt zu sein ist enorm. Vor allem, wenn nur das Perfektsein zur Liebe der Eltern führt.

Als Weichei-Mutter überlasse ich den Ansporn lieber den Kinder selbst. Als ich gestern mit einer Freundin bei Kaffee und Kuchen saß und meine Tochter sagte, sie habe Hunger, da ging sie in die Küche. Stellte sich einen Stuhl unter den Schrank, holte sich einen Teller, Gabel und Messer, ging an die Schüsseln des Mittagessens und setzte sich wieder zu uns mit einem Teller voller Köstlichkeiten. Ich fragte, ob ich  ihr das Essen noch schnell warm machen sollte. „Hab ich doch schon“, empörte sie sich. Und so erfuhr ich, dass meine Tochter auch die Mikrowelle bereits im Griff hat. Mit vier Jahren. Ganze ohne Drill. Ob sie ungekannte chinesische Gene hat?

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Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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2 Antworten zu Erziehungs-Amok (Lisa)

  1. Jaegerin schreibt:

    Ich war ja neulich in einem Seminar, es hieß: Wege aus der Brüllfalle. Gezeigt wurde ein Film, in dem die typischen Elternfehler lustig nachgespielt wurden. Sehr lehrreich. Einen Satz aus dem Film werde ich nicht vergessen. „Lieber gleich Ja-Sagen statt aus drei Nein ein Ja zu machen“. Bingo. Ich liege also gar nicht so falsch mit meiner sanften Erziehung. Und dabei dachte auch ich, ich sei eine Weichei-Mama, weil ich soviel erlaube und so selten „Nein“ sage. Nur zu einem sage laut und deutlich und wenn nötig eine Millionen mal „Nein“ – zu übertriebenem Drill und Leistungsdruck!

  2. Vogelflughafen mit Weich-Eierservice schreibt:

    mit 11 oder 12 stand Lisa an einem Hotel-Frühstücksbuffet. Freundlicher Service: „How would you like the egg?“ Lisa noch nicht so englisch-firm: „ÄÄHHM, Speigel egg, please !“ Nach kurzem Kauderwelsch-Palaver erhielt sie das Gewünschte. Fazit: Kreativität geht vor Drill!

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