Prenzlauer Berg 2.0 (Lisa)

Rein statistisch gesehen ist Prenzlauer Berg gar nicht der kinderreichste Bezirk Berlins, Deutschlands, Europas – wie oft behauptet wird. Es ist vielmehr ein Ballungsphänomen, mit zwei Hauptschauplätzen: dem Kollwitzplatz und dem Helmholtzplatz.

Die Kinderdichte dort ist, sagen wir mal, erdrückend. Auf dem Bürgersteig stauen sich die Kinderwagen – Einlingswagen, Zwillingswagen, Kiddy Boards, Bobby Cars. Für Eltern ist das ein Traum. Nicht-Eltern schütteln den Kopf, wenn ihnen schon wieder ein schreiender halber Meter mit dem Laufrad in die Hacken fährt.

Aber ruhig Blut, liebe Kinderlose: Wenn ich das richtig beobachte, sättigt sich die Kinderdichte so allmählich. Noch vor einigen Jahren sah man hier lauter Frauen mit Bäuchen, vielleicht mit einem Kind an der Hand. Höchstens. Heute haben die meisten schon zwei, viele drei, manche sogar schon vier Kinder und die meisten Frauen eben keine Bäuche mehr. Das heißt, dass sich rund um den Kolle und den Helmi die Geburtenjahrgänge 2004 bis 2010 stark machen werden irgendwann.

Denken wir also mal zehn Jahre weiter. Da sträunen hier lauter Halbstarke durch den Kiez, die Jungs vom Kolle, die Helmi-Gang und die P’berg-Piraten. Pickel sprießen auf der jugendlichen Stirn, der Bizeps wächst, der erste Liebeskummer macht sie aggressiv. Die Infrastruktur wird zusammenbrechen.

Kein Mensch braucht dann mehr Indoor-Sandkästen, das Kiezkind wird zur Techno-Disco mit „Tanz auf dem Berg“-Partys, die Penner vom Helmi werden von der Jugend verdrängt, die Windelshops schließen, Headshops siedeln sich an, innovative Bars mit iPad-Conventions sprießen wie Unkraut aus den vollsanierten Erdgeschossen. Und das Verdrängen betrifft nicht nur die Ur-Einwohner Prenzlauer Bergs (Gentrifizierung!), die ersten Shops schließen schon heute.

Das Café Jacques an der Senefelder Straße mit seinem Kuscheltierraum für die Kleinen hat vor einigen Wochen dicht gemacht, und auch der Gemüsemann nebenan, Ecke Raumerstraße, hat geschlossen – kein Öko, keine Chance. Und diese körnerverwöhnten Kinder werden uns in zehn Jahren zeigen, was sie von dem Fraß hielten.

Die Käseglocke umgibt uns weiter, unser Bezirk wird besonders bleiben und auch zukünftig für bundesweite Schlagzeilen sorgen. Als erster Bezirk, der das Cannabis legalisiert. Oder als erster mit eigenem Jugendknast. Es bleibt spannend. Das Projekt Prenzlauer Berg, es ist noch nicht beendet.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
Dieser Beitrag wurde unter Prenzlauer Berg abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Prenzlauer Berg 2.0 (Lisa)

  1. Pingback: Prenzlauer Berg und der Poller (Lisa) | Nusenblaten

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s