Schafskacke (Katrin*)

Früher, als ich noch in Berlin wohnte, hatte ich Heimweh nach Zuhause. Heute wohne ich Zuhause und habe Heimweh nach Berlin. Zwar nur manchmal, aber immerhin.

Es hilft ein bisschen, wenn Besuch aus der Hauptstadt kommt. Große Freude also, als ein Freund, ursprünglich auch aus dem Münsterland, mit seiner Freundin auf ein paar Cola-Zero vorbeikommt. Die beiden haben auch zwei Kinder. Die haben sie aber bei Oma und Opa gelassen, die ihre Enkel wegen der Entfernung zwischen Westfalen und Berlin nicht so oft sehen können. Weil unsere Kinder in den Sandkasten wollen, gehen wir in den Garten.

Draußen steht der neue Roller vom Großen. Der Berlinbesuch bleibt stehen. Die Freundin tippt den Freund an und sagt: „Genau so einen will ich auch für die Kinder haben. Mit den großen Reifen und so…“
Ich sage: „Den gibt es im Moment im Sonderangebot bei…“
Sie ergänzt: „MyToys. 49 statt 69 Euro.“
Ich ergänze: „Und einen Gutschein kann man einlösen.“
Sie sagt: „Zehn Euro billiger noch.“
Der Freund lacht. „Mütter.“

Dann hocken wir uns in die erste Frühlingssonne und riechen die frische Landluft. Auf der Wiese nebenan grasen Schafe. „Mmmh“, sagt die Freundin des Freundes. Sie atmet tief ein. „Der Duft von Schafskacke.“ Ich atme auch ein und rieche nichts. Dann betrachte ich ein bisschen neidisch ihre halb hohen Stiefel und ihre coole enge Jeans. Die Tattoos und Piercings, die sie hat, sehe ich zwar nicht, weiß aber, dass sie da sind. Die Kindergartenmuttis, die ich hier jeden Morgen treffe, haben weder coole Schuhe, Jeans oder Piercings. Sie kaufen bei Esprit. Online.

Dann fragt mich die Freundin, ob ich dieses Internetportal kenne, indem sich Mütter über alles mögliche austauschen. Wann es bei Aldi welches Sonderangebot gibt, wo man am besten Trampoline kauft, was ich bei welcher Krankheit tun kann. Ich kenne das Portal nicht, ich kriege die Infos von den Frauen aus meinem Dorf. In der Krabbelgruppe, im Kindergarten, beim Edeka.

Wir sitzen noch eine Weile so da. Wir Mütter reden über Kinder, die Väter über den Job. Der Große baut sich aus Schleich-Dinosauriern einen Hindernisparcours und fährt mit seinem Roller Slalom ums Haus. Gleich wird der Kleine wieder zu Opa rübermarschieren, um ihm beim Hoffegen zu helfen. Es stimmt, ich rieche es jetzt auch. Es duftet bei uns nach schnöder Schafskacke und nicht nach lässiger Berliner Luft. Der Freund und seine Freundin müssen wieder los. Schade. Wir winken.

Fröhlich. Denn ich weiß jetzt wieder, dass wir uns näher sind, als man denkt. Und: Ich mag das alberne „Määäh“ der Schafe einfach lieber als das nervige „Bäääh“ der Großstadt.

*Katrin, Ex-Berlinerin, Mutter zweier Kinder, Autorin und gern gesehener Gast auf Nusenblaten

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Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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