Alles hat ein Ende – mit Wurst (Lisa)

Lustig so ein Strohhalm. Da kann man ja auch reinpusten! Und dann spritzt einem der gesamte Kakao aus dem Trinkpäckchen ins Gesicht. Mit drei Kindern im Bezirksamt Pankow. Ich brauche einen neuen Perso, die Kinder neue Fotos im Pass. Das Wetter ist fantastisch, meine Schlussfolgerung:  Da geht doch sicherlich niemand zum Amt… Falsch gedacht. Wir ziehen Nummer 83.

Wir lachen über die biometrischen Passbilder mit geschlossenem Mund und ernstem Blick. Sagen Sie das mal einem Zweijährigen. Die Lippen zugepresst, dass man das Kind nicht mehr erkennt. Was solls? Vorschrift ist Vorschrift, gell?

Den Kindern wird langweilig, nach neun Rundgängen durch den Amtspark. Also hoch auf den hässlichen Gang. Franz zeigt auf einen älteren Herrn. „Mama, warum ist der Mann so alt?“ Eine Frau fragt, warum das T-Shirt von Paul so besprenkelt ist. „Kacka ist das“, antwortet er. Tatsächlich ist es Kakao.

„Hunger“, rufen die Kinder und kreischen durch den wohlschallenden Amtsflur. Wir gehen zum Bäcker, kommen mit drei Brezeln in den Warteraum zurück. „Bah, Salz“, rufen sie und piddeln solange an den Brezeln herum, bis die komplett nackt sind. Der Fußboden: Eine Salzmiene. „Langsam wirds peinlich, Leute“, flüstere ich ihnen zu, als sich Paul vor eine Wartende stellt, sich an ihrem Knie festhält und lauthals zu stöhnen beginnt. Die Augen quillen hervor, die Knie leicht gebeugt. Eine Windelexplosion. Warum auch nicht? Ich habe natürlich keine neuen Windeln dabei.

Wir wechseln den Raum, wir warten schon anderthalb Stunden, als Helene bemerkt, dass jemand ihre Puppe zwischen den Beinen und am Bauch aufgeschnitten hat. Sie schreit und windet sich auf dem Flur. „Wer war das?“ Die Brüder lächeln und gackern. Ich zerre die Schrei-Gacker-Parade durch den Flur nach draußen. Wahrscheinlich haben die da längst das Jugendamt informiert. Nach zwei Stunden gehen wir wieder rein, eine Dame telefoniert, die Kids schreien ihr in den Hörer. Sie sind müde, es ist Mittag, sie wälzen sich auf dem Fußboden über die kalten Fliesen, die Hände sind Kakao-Dreck-Brezelsalz-klebrig. Die Menschen gucken, Volltätowierte, Behinderte, stillende Mütter, Punks, ganz Berlin an einem Morgen. Irgendwann sind wir tatsächlich dran.

Die Dame spricht leise, ich verstehe nichts, weil Franz -„brmhhh, brrrmhh“ – mit seinem Bagger die Amtsblumen aus der Erde hebt, Paul am Nebenschreibtisch quietschend den Metallstuhl zur Seite schiebt, so dass auch dort nicht mehr gearbeitet werden kann, und Helene sagt, dass nun auch Franz Kacka in der Windel hätte. Es stinkt. Es ist laut, aber die Aufkleber für die Kinderpässe sind aus.

Herrgott, dann geben Sie mir neue Ausweise! Ich zahle alles, wenn ich hier nur gleich raus darf! Dann warten Sie mal bitte auf dem Flur. 10 Minuten! Dann endlich Erlösung. Wir dürfen gehen. Springen noch schnell in den Supermarkt für das Mittagessen. Als wir zu Hause ankommen, hat Paul das Würstchenglas bereits geöffnet. Meine ganze Handtasche – ein See aus Wurstwasser.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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Eine Antwort zu Alles hat ein Ende – mit Wurst (Lisa)

  1. jawoll, so stell ich mir den alltag mit kind(ern) vor. nichts läuft nach plan oder ‚gesittet‘. und auf die blicke von anderen – wie freu ich mich schon. wie dick muss das fell werden? immer tapfer weitermachen…beste grüße

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