Prenzlauer Berg, wie Sie es noch nicht kennen (Lisa)

Guten Tag, ich bin Ihr Tour-Guide. Ich lade Sie herzlich ein zu meiner Führung durch das Prenzlauer Berg der Hässlichkeiten. Treten Sie nur näher. Schauen Sie hier, diese wunderbare Baustelle in der Winsstraße mit dem freundlich gestalteten Graffiti auf dem gelben Container: „Fickt Euch alle“.

Holen Sie nur Ihre Kameras raus, ja, tun sie das, aber lassen Sie noch ein paar Gigabyte frei auf Ihrem Fotochip, denn jetzt geht’s erst richtig los. Schauen Sie einmal dort an der Ampel, sehen Sie den weißen Transporter? Lieblich, dieser Aufkleber auf seiner Hintertür mit dem Aufdruck: „Friss Scheiße!“

Und nun kommen Sie bitte weiter, folgen Sie mir in die Chodowieckistraße zum Parkscheinautomaten, sehen Sie? Auch hier war wieder jemand kreativ und hat seinen Edding eingesetzt: „Schwaben raus.“

Die Prenzlauer Berger sind solche Schriftzüge natürlich mittlerweile gewohnt, Zugezogene werden als Schwaben beschimpft, Blogger wie wir bekommen Kommentare zu ihren Texten wie:

„wenn ich sowas lese, muss ich kotzen. selbstgefälliges pack, geht mit euren scheißkindern zurück nach schwaben!“

Nun überzeugen Sie sich aber gern selbst von den Hässlichkeiten unseres Kiezes, die Familie Nusenblaten hat uns eingeladen in ihre geräumige Wohnung, folgen Sie mir nur ans Fenster, ja, Ihr drei Nusenblaten-Kinder auch, schaut nur her. „Mama, da liegt ja wieder einer im Gebüsch.“ Ja, das hast Du richtig erkannt, kleiner Franz. Bierbauchbewampte Besoffene im Vorgarten, wer hat das schon? Aber leider müssen wir flugs weiter, lieber Tourteilnehmer, denn das nächste Highlight wartet schon.

Wir gehen zum Kollwitzplatz ins Café Heimatlos. Was fällt Ihnen auf? Richtig: Die Fassade ist mit rotem Graffiti besprüht. Und wer kann den Aufdruck lesen? Niemand? Dann tue ich das für Sie, wir sind ja nicht so: „Yuppies abschlachten“.

Ja, genau, so steht es da und ist somit der Höhepunkt und leider auch das Ende unserer ersten exklusiven Hässlichkeiten-Tour. Ich hoffe, Sie hatten Spaß und wir sehen uns schon bald wieder zu einem weiteren spannenden Rundgang durch unser geliebtes Prenzlauer Berg. Thema demnächst: Die gentrifizierte Spielplatzhölle. Kosten wie auch diesmal: 69,99 Euro pro Person, Ermäßigung für Zugezogene.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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7 Antworten zu Prenzlauer Berg, wie Sie es noch nicht kennen (Lisa)

  1. Kinderforschung Hasenbüchel schreibt:

    großartiger Artikel!!! Spürt die Alt-Faschisten auf, brauchen wir nicht. Good luck und bis bald

  2. steffi schreibt:

    naja, die sprüche sind nicht besonders nett, das stimmt. aber andererseits kann man auch nicht in eine großstadt ziehen und kleinstadt-feeling erwarten. in berlin leben nunmal viele verschiedene menschen, leider hat nicht jeder eine stimme und wird gehört.

  3. steffi schreibt:

    Und glaub mir, Familien mit Kindern werden viel mehr gehört als die Menschen, denen Prenzlauer Berg ihr Leben lang ein Zuhause war und die jetzt durch die Gentrifizierung vertrieben wurden.

  4. Tine schreibt:

    @steffi:
    Ja, die „Alten“ werden verdrängt und ja, es kommen „Neue“. Das passiert überall auf der Welt. Schau dir andere europäische Hauptstädte und ihre Mietspiegel an. Berlin ist nun mal eine begehrte Stadt und in Deutschland ist die Freizügigkeit im Grundgesetz verankert. Übrigens finde ich das Wort „Vertreibung“ in diesem Zusammenhang eine Frechheit, wenn man an die Vertreibungen denkt, die es in Deutschland während des 2. Weltkrieges gab. Berlin ist groß genug für alle und es gibt kein gottgegebenes Recht auf innerstädtisches Wohnen. Da kann man sich freuen, dass der Prenzlauer Berg sich zum Familienviertel gewandelt hat und nicht zu einem Viertel voller Porsche fahrender Snobsingles mit Banker-Jobs.

  5. Beate Hintze schreibt:

    Ich bin verwirrt. Sind jetzt die „Alt-Faschisten“ gegen die „Schwaben“ oder die „Alten“ gegen die „Neuen“ oder die Familien mit Kindern“ gegen die „Porsche fahrenden Snobsingles“???

    • nusenblaten schreibt:

      Hey, liebe Kommentatoren. Wer kann Beate helfen? Ich hätte ja fast geschrieben, dass Du das Berlin-Prinzip des Alle-gegen-Alle ganz gut erfasst hast, aber ich will ja auch nicht fies sein. Vielleicht können sich Tine, Steffi und Kinderforschung Hasenbüchel ja nochmal dazu äußern. Ich fänds spannend.

  6. Pingback: Prenzlauer Berg und der Poller (Lisa) | Nusenblaten

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