Aufgeräumt! (Lisa)

Man kann sie finden, die Prenzlauer Berg-Klischees. Wenn man nur lang genug danach sucht.

Tag der Offenen Tür in einer Prenzlauer Berger Hinterhof-Grundschule. Der Spatzenchor der Zweitklässler singt zur Begrüßung und da kommt sie zur Tür rein, die verhasste so genannte Latte Macchiato-Mutter. Natürlich zu spät. Natürlich zu gut aussehend. Totally overstyled. Was im übrigen auch für ihr Kind gilt, dass adrett frisiert, aber zu laut ist. Der übrige Raum: voll von stinknormalen Müttern und Vätern. Gänzlich ohne Allüren.

In der Schulmensa das Elterncafé. Aha, oho. Glutenfreien Kuchen gibt´s da. Super für den Pberg-Kritiker. Schnell den Block rausgezückt. G-L-U-T-E-N-F-R-E-I. Klischee erfüllt, Klischee notiert. Die restlichen ca. 30 glutenhaltigen Torten? Keiner Erwähnung wert.

Besichtigung des Horts. Ein Flachbildfernseher zeigt Hort-Kinder in Aktion. Anschauungsmaterial für wissbegierige Eltern. Eine Mutter stört sich dran, stellt die Hort-Leiterin zur Rede: “Was soll denn der Fernseher hier? Der steht aber ja wohl hoffentlich nicht immer hier. Die Kinder werden ja wohl hoffentlich nicht vor die Glotze gesetzt!” Werden sie nicht. Aber einmal im Monat dürfen sie ein Filmchen anschauen und es nacherzählen. Eine Mutter stört sich dran. Die übrigen ca. einhundert? Nicht.

Es kann so einfach sein über Prenzlauer Berg zu meckern. Wären da nicht die vielen anderen, durchaus dominanteren Puzzleteile, die es zwar oft nicht bis in die Medien schaffen, die unser Leben hier aber ausmachen. Ja, in jedem Schulraum ließ sich ein Läster-Objekt finden. Aber die anderen 99 Menschen, die hätten genauso gut in Castrop-Rauxel oder Westbevern-Vadrup zur Schulbesichtigung marschieren könnten. Eltern halt. Leute von nebenan.

Aber, aber, wir sind doch immer noch in Prenzlauer Berg! Denken Sie jetzt vielleicht. Aber wissen Sie was? Heute morgen bin ich von keinem einzigen Gentrifizierungsgegner angeblafft worden. Und Erwachsene ohne Kinder – hab ich sogar auch gesehen.

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Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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4 Antworten zu Aufgeräumt! (Lisa)

  1. Anne Roth schreibt:

    Liebe Lisa,

    ich sehe, dass die Latte-Macchiato-Mutti-Artikel unter die Haut gehen. Euch und allerhand anderen. Ich kann mir gut vorstellen, dass das keinen Spaß macht.

    Ich führe in letzter Zeit Gespräche mit Freunden und Freundinnen, die in PB wohnen, manche sind zu allem Unglück tatsächlich sogar aus Schwaben, die haben es besonders schwer. Ich versuche sie zu überreden, das alles nicht so ernst und nicht so schwer zu nehmen. Sich in die andere Seite zu versetzen für einen Moment. Das ist nicht einfach, insbesondere nicht, wenn ich mich oute als jemand, die sogar Anja Maier komisch fand (trotzdem auch ich schon öffentlich Kinder stillte). Weil mir ‘solche’ Mütter (seltener Väter, weil die eben weniger in Kitas oder auf Spielplätzen zu sehen sind) schon echt oft auf die Nerven gegangen sind. In unserer früheren Kita an der Grenze zwischen Mitte und PB gab es nicht nur eine überkandidelte Mutter, und auf dem daneben liegenden Spielplatz waren es noch mehr. Natürlich gibt es auch andere. Aber es ist auch nicht nur eine, und das war schon vor fünf und noch mehr Jahren so.

    Ist es nicht möglich, Mutter in Prenzlauer Berg zu sein und sich einfach nicht gemeint zu fühlen? Ihr wisst doch selbst am besten, ob Ihr den ganzen Tag im Café rumsitzt, auch dem Hund nur Bio-Dosenfutter kauft und die künftige Schule danach beurteilt, ob der Mandarin-Unterricht von pädagogisch auf dem neuesten Stand ausgebildeten Muttersprachlern erteilt wird. Und wenn nicht: ist es nicht möglich, die dann auch mal anstrengend zu finden?

    Ich selber – inzwischen weggezogen – bin beispielsweise Gentrifizierungsgegnerin, blaffe nicht und möchte auch, dass meine Kinder so gut wie möglich aufwachsen. Aber ich habe auch die ostdeutschen Erzieherinnen bewundert, die die x-te Debatte ertrugen, ob die Äpfel nur bio oder auch Demeter geprüft sein sollten. Ich habe das nicht so oft ausgehalten.

    Übrigens lese ich seit Jahren Euer Blog sehr gern und empfehle es auch immer mal an andere Eltern weiter, mehr oder weniger gentrifizierungsgegnerisch, weil die Kinder wohl alle ziemlich ähnlichen Blödsinn machen.

    • nusenblaten schreibt:

      Liebe Anne,

      danke für Deinen – wunderbar gelassenen – Beitrag. Das Schöne am Prenzlauer-Berg-Bashing ist – es liefert uns reichlich Stoff. Auch wenn die Macchiato-Mutti-Keule gelegentlich sehr unfair ist. Es ist im Übrigen in Münster, Köln oder in der nordhessischen Provinz nicht anders: Auch da gibt es das Nerv-Balg und Glucken-Mutti, die in der Öffentlichkeit ihr Euter entblößt, und auch dort ist der schwarze Bugaboo der wahrscheinlich meistgekaufte Kinderwagen. Aber Muttis, Kinder und Kinderwagen treten eben nicht so geballt auf. Und das Experimentierfeld dort hat weniger (journalistische) Beobachter als das in Prenzlauer Berg.

      Anja Maier fragt sich, woher die ganze Verachtung kommt. Das ist ungefähr so, als würde sich ein militanter Atomkraftgegner fragen, er wisse auch nicht so genau, woher der ganze Hass auf die Atomlobby kommt.

      Ja, Anja Maiers Beitrag ist manchmal sehr komisch – aber eben leider auch keine echte Satire. Es entsteht ein falscher Eindruck. Und dem wollen wir ein bisschen entgegen treten – mit der notwendigen Gelassenheit hoffentlich.

      Gruß, Lisa

  2. Jaegerin schreibt:

    Westbevern-Vadrup in Eurem Blog – DANKE!!!! Ich habe es ja schon immer gewusst. Vadrup ist überall!

  3. fraumutter schreibt:

    Ich habe den Latte-Macchiato-Begriff schon öfter gehört-bitte um Aufklärung, da ich im Berliner Südwesten wohne-und es hier nur Oma Cafés mit lecker Filterkaffee gibt.
    Und: wa ist mit overstyled gemeint? viele grüsse vom gentrifizierten Schlachtensee

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