Scham-Offensive (Lisa)

Man startet ja als Mensch in so eine Schwangerschaft. Als Mensch mit Gefühlen und Moral, mit Anstand und Scham. Jahrzehnte lang haben wir gelernt, was geht und was nicht, was nett ist und was baah.

Plötzlich der Einbruch durch Bauch. Etliche Gynäkologentermine, Unten-und Obenuntersuchungen. Am Ende läuft auch noch Milch aus deinen überdimensionierten Brüsten. Die Geburt, eine einzige Sauerei. Körperflüssigkeiten, Erbrochenes, Fäkales, Gerissenes, Genähtes. Soll´s alles schon gegeben haben. Und spätestens da ist deine Schamgrenze durchbrochen. Also nicht anatomisch jetzt, sondern psychisch.

Nach der Geburt legst du die Brüste blank, egal wer zuschaut, erst Krankenhauspersonal, dann Freunde, Gäste, Bekannte und Fremde. Ja, Fremde. Im Rückbildungskurs zum Beispiel, wo dir die unbekannte Sitznachbarin sogar das angebrochene Dammmassageöl anbietet. Die Schamgrenze ist in diesem Stadium nicht nur durchbrochen, sie existiert schlicht nicht mehr nach all dem, was du mitmachen musstest. Und dann verbringst du deine Tage mit Bäuerchen wegwischen und Windelwechseln. Den ganzen Tag Kacke oder Kotze unter den Fingernägeln. Und das macht dir gar nichts aus, denn hey, die Schamgrenze ist ja weg!

Aber irgendwann tragen die Kleinen dann keine Windeln mehr. Bei uns jetzt der Fall. Drei Kinder aus dem Windelalter raus. Sie spucken auch nicht mehr so häufig nach dem Essen und die paar Brotkrusten, die sie allabendlich in der Apfelschorle versenken, die machen dir auch nicht mehr so viel aus.

Aber dadurch, dass es eben auch wieder anderes in deinem Leben gibt außer kindlichen Körperausscheidungen, schleicht sich langsam aber sicher wieder eine Schamgrenze in dein Leben! Ist mir auch erst jetzt aufgefallen. Aber es ist so. Damals stillte ich die Zwillinge in der S-Bahn, im Café, im Park, wo auch immer sie Hunger hatten und packte aus, was ich an Nahrungsquelle zu bieten hatte.

Heute blicke ich verschämt zur Seite, wenn eine Freundin ihre Atombusen vor mit entblättert. Damals habe ich bei den 90 Windeln pro Woche nicht mit der Wimper gezuckt. Heute kann es bei mir einen Würgereflex auslösen, wenn die Tochter beim Essen „Po abputzen“ ruft. Mein Ausflug in die Welt ohne Scham scheint so langsam aber sicher zu Ende zu sein. Ich laufe wieder in den sicheren heimischen Schamhafen ein.

Ob ich jetzt wohl auch wieder zur Frau werde? Mich aus der Rolle der Bedürfnisbefriedigungsmaschine befreie? Also so richtig? Ich bin gespannt.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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4 Antworten zu Scham-Offensive (Lisa)

  1. Jaegerin schreibt:

    Und das Entschämen begann ganz harmlos: Mit ein paar gezeichneten Bildern von verschiedenen Geburtspostionen. Frauen im Vierfüßlerstand, Frauen hockend, stehend und immer wieder Männer, die ihren Nacken hielten, massierten oder sonstwas taten. Die Hebamme zeigte die Bilder und keiner kicherte verschämt, weil natürlich niemand – außer mir – bei den bunten Zeichnungen an Porno-Comics dachte. Und wo kein Gedanke an Sex ist, da ist auch keine Scham. Da ahnte ich schon, die Sache mit der Geburt wird nicht lustig.

  2. fraumutter schreibt:

    Freue Dich! Du kommst gerade wieder bei Dir an! Kauf‘ Dir ne Handtachse oder eine sauteure Creme um dieses neue Stadium zu feiern! Ich geh mal wieder Erbrochenes aufwischen…..

  3. Annika schreibt:

    Super Text! Diese Gedankengänge habe ich nahezu täglich. Wurde während der Stillzeit wieder schwanger und bin also noch mittendrin im Nicht-Schämen und Brust auspacken…erst heute im Einkaufscenter. Ich kann mich aber noch gut am mein Entsetzen erinnern, als eine Kommilitonin in der Vorlesung ihr Kind stillte „Boah, wie eklig is das denn….kann die das nicht zu Hause machen…Schämt die sich nich…?“ Ich weiß, dass ich momentan für Außenstehende (insbesondere Männer, egal ob Väter oder nicht) sowas von unsexy bin und es stört mich nicht. Ich habe aber ein bisschen Angst vor dem Tag an dem ich in die Entschämungsphase komme, alles reflektiere und sagen werde „Oh, nein, wie konnte ich nur. “ Aber da wir noch ein drittes Kind wollen, kann das noch dauern. In diesem Sinne: Tragen wir doch einfach unsere überdimensionierten Brüste, verpackt in weißen Baumwoll-Stil-BHs unter den fleckigen,vollkotzten T-Shirts mit Würde.

  4. Sigrid schreibt:

    Kurz und bündig die Realität auf den Punkt gebracht! Bravo! Bin ab Mai Mutter aber kann mir jetzt schon alles sehr bildlich vorstellen… 🙂

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