Drehwurm (Lisa)

Sie kennen ja diese Szenen in kitschigen Filmen, wo sich Verliebte im Schnee wälzen. So Szenen, bei denen man denkt: Mein Gott, man kann es aber auch übertreiben, Herr Regisseur, sowas gibts doch im echten Leben gar nicht. Oder haben Sie schon mal an einem normalen Wochentag ein Paar gesehen, das sich glücklich im Schnee des Volksparks Friedrichshains oder sonstwo wälzte? Eben. Ich auch nicht.

Nun, gestern, als der erste Schnee des Jahres in Prenzlauer Berg liegen blieb, sah ich es dann doch. Kein Paar. Nein. Aber meine Tochter.

Ich war mit einer Freundin unterwegs, wir beide Strohwitwen, weil unsere Kerle auch am Sonntag arbeiten müssen. Sie schob den Kinderwagen mit ihrem Baby drin, meine Drei flitzten wie junge Hunde in alle Richtungen, als sie zum ersten Mal an diesem bitterkalten Nachmittag raus durften.

Helene hatte sich bestens ausgestattet. Den eigentlich zu kleinen Schneeanzug angezogen, sich die Mütze so weit ins Gesicht gezogen, dass nur noch Augenschlitze übrig waren. Und mitten im Gehen ließ sich sich dann fallen. Und rollte. Und rollte. Und wälzte sich durch den Schnee auf dem Bürgersteig.Ich sagte nichts, ich vertraute ganz darauf, dass das selbst meiner Tochter irgendwann zu anstrengend würde. Aber Pustekuchen. Wenn jemand seinen Kiez bis in die letzte Nische kennenlernen will, dann sie.

Problematisch wurde das Gerolle und Gewälze erst, als ihre Brüder auf den Geschmack kamen – und sich dem armen kleinen Paul plötzlich ein Kronkorken ins Gesicht bohrte. Kam nicht so gut! Und als meine Freundin dann zu bedenken gab, dass da ja auch Scherben oder Spritzen rumfliegen könnten, da dachte ich kurz: Eine Wiese. Und dann: Nee, doch nicht. Denn die Vorstellung von Hundedreck im Gesicht fand ich dann auch nicht attraktiver …

Meine armen Großstadtkinder. Auf dem Land hätten sie sich einen Schlitten gepackt und wären den Hügel runtergerodelt, dachte ich kurz. Aber wie ich so in die Augenschlitze meiner Tochter schaute, hätte sie glücklicher nicht sein können. Ein Drehwurm kann eben auch in der Stadt Spaß haben. Was ist denn schon ein Kronkorken?

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Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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2 Antworten zu Drehwurm (Lisa)

  1. Jaegerin schreibt:

    Bei uns hier aufm Land gibts weder Schnee noch Hügel – also ist der Berliner Winter doch besser!

  2. Rike schreibt:

    Unsere Tochter ist im Eis engebrochen – zum Glück nur durch die Eisdecke eines Mini-Sees, der sich durch den Regen der letzten Monate auf einem Feld gebildet hat. Ertrinken war nur schwer möglich, saukalt wars trotzdem und die Tränen dick. Und wir konnten nicht schnell mit der U-Bahn heimfahren, sondern schleppten das nasse Kind durch Minusgrade heim. Schreckliche Gefahren drohen also auch auf dem Land ;)

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