Identität (Lisa)

Es gibt ja viele Gründe, warum wir Babys süß finden. Das Kindchenschema, der Speck, die Hilflosigkeit, der Geruch, das Glucksen. Nun, Franz und Paul befinden sich derzeit in der Trotzphase, in der sie merken, dass sie – leider! – ja doch nicht die Welt regieren.

Dass nicht alle nach ihrer Pfeife tanzen. Ärgerlich!

Dass man nach der zehnten nicht noch eine elfte Wasserpistole gekauft bekommt. Ungerecht!

Und dass Schoko-Muffins kein Frühstück sind. Wieso?

Trotzphasen führen zu schreienden Kindern und wenn Franz wegen der einen Sache aufhört zu schreien, so beginnt er sofort wegen etwas anderem zu schreien. Er ist da sehr kreativ und, tja, wie soll ich sagen, unsüß. Da ist nichts mehr vom Heititei- Kindchenschema, da steht ein bockiger Charakterkopf, der dich als Stinkmaus oder Pupsgesicht beschimpft, um mal nur die milderen Flüche zu nennen. Und weil die Zwillinge jetzt eben schon dreieinhalb sind und keine Babys mehr, gerate ich nicht nur in eine Krise, sondern denke auch über Identität nach.

In ihrem Buch Muttergefühle.Gesamtausgabe beschreibt Rike Drust, wie sie sich Gedanken um ein zweites Kind macht. Darin schreibt sie sinngemäß dass sie sich fragt, ob sie sich bei dem Gedanken an ein weiteres Kind nur ein kleines vielschlafendes Kuschelbaby wünscht oder tatsächlich noch einen weiteren Menschen wie ihren Sohn in ihrer Familie. Und spätestens da schreit ihr Hirn: NEIN. Bislang hat sie tatsächlich noch kein weiteres Kind und das bringt mich zu der Frage nach den verschiedenen Identitätsphasen zwischen Mutter und Kind.

Phase 1:

Zunächst einmal ist die Mutter schwanger, sie ist noch dieselbe wie vorher, vielleicht ein bisschen fetter, aber womöglich auch ein bisschen glücklicher als zuvor. In erwartungsfroher Vorfreude.

Phase 2:

Nach der Geburt verschmilzt die Mamidentität mit der des Kindes. Nimand kommt an diese Innigkeit ran, die beiden Verliebten werden eins. Vor allem auch darum, weil das Kind noch keine Widerworte geben kann und so einen ganzen Skatepark an Projektionsfläche für die Mama bietet. Im Kopf sieht sie sich mit ihm schon bei der Deutschen Surfweltmeisterschaft stehen oder beim Shoppen in New York oder was sich eine Mutter eben so vorstellt mit ihrem Kind.

Phase 3:

Und dann kommt die Trotzphase. Alle Träume vom Surfer oder der Shoppingqueen zerplatzen im Mamahirn, das Kind zeigt ihr jetzt wo´s langgeht und vor allem will es dabei nicht in ihre Richtung gehen, sondern in die entgegengesetzte. Die verträumte Säuglings-Gott-bist-du-süß-Phase endet abrupt und setzt uns Mütter mal so richtig auf den Realitätspott. Socken? Zieh ich nicht an. Broccoli? Ess ich nicht. Pipi? Mach ich nicht. Bätsch.

Und das alles heißt vor allem: Vergiss es Mama, ich mach, was ich will, ich hab nämlich meinen eigenen Kopf. Und plötzlich merkst du, dass du da einen (oder mehrere) Menschen in die Welt gesetzt hast. So echte diskussionswütige. Das Ganze mal zwei (Zwillinge!) und du kannst mit deinen Stahlnerven einen Hunderttonner einen sehr hohen Berg hochziehen. Nur wohin? Zu einem neuen Kind, das süß ist und seine Meinung noch nicht sagen kann? In das die Mama noch Träume projizieren kann?

Oder in einen Wald? Ich werde nämlich das Gefühl nicht los, dass diese ganze Trotzerei schon auch ein kapitalistisches Problem ist. Im Supermarkt: Geschrei. Beim Passieren eines Spielzeugladens: Geschrei. Haben, haben, haben. Und wenn man´s hat, will man was anderes. Ist klar. Wäre im Wald einfacher.

Was ich damit sagen will: Meine drei Kinder haben sich jetzt abgegrenzt. Von mir. Sie werden größer, sie werden selbständiger, sie zeigen es mir mit dem Vorschlagknüppel – und der ist nicht aus Gummi. Manchmal zweifle ich am Verstand meiner Kinder, noch öfter an meinem eigenen. Es ist sehr oft sehr laut bei uns. Zur Zeit.

Und trotzdem denk ich bei jedem Baby, das ich sehe: Wie niedlich! Will haben! Hmmgrlmpf! Weil meine Hormone mir vorgaukeln, dass Babys süß sind. Und das, obwohl ich täglich den Beweis aufgetischt bekomme, dass das nicht so bleibt! Was mich denn zu der Annahme führt, dass unser Fortpflanzungsdrang noch korrupter ist als der böse Kapitalismus, der unsere Kinder trotzen lässt.

Ein Positives hat die Phase 3 dann aber doch noch: Die Frage nach dem „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ kann ich nun wieder guten Gewissens beantworten mit: „Ich bin Ich und das ist nur eine Person.“ Und während ich vor nicht allzulanger Zeit noch mit: „Ich bin Ich mit Helene, Franz und Paul und das sind vier“ antworten musste, so zeigt mir das doch auch, dass so eine Ablösungsphase, wenn auch durch Trotz, auch gute Seiten hat. Sie beschert mir neue Freiheiten. Und das ist gut so! ….auch wenn ich erstmal gucken muss, ob ich wirklich Ich geblieben bin.

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Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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6 Antworten zu Identität (Lisa)

  1. silke wegmann schreibt:

    Hihi, ich glaube Lisa, du hast es auf den Punkt getroffen. Sehr amüsant zu lesen und auch wenn unsere Mäuse erst 16 Monate sind, kann ich dem Ganzen viel abgewinnen. 🙂

  2. birgit schreibt:

    Ich befinde mich (gerade noch) in Phase 1 und träume von Phase 2… und dann hörts bei mir auf. Auch wenn mir klar ist, dass sowas wie Nr. 3 irgendwann kommt, aber das darf man erstmal verdrängen und sich schön dem Projezieren widmen 😉

  3. Marlene´s Mom schreibt:

    Oh Gott, ein bisschen graults einem dann ja schon vor dieser Phase 3. Meine ist erst 11 Monate, aber wenn sie was will und nicht bekommt, oder man nimmt ihr was weg, alter Schwede ey, da geht sie ab wie ein HB-Männchen.
    Schön geschrieben!

  4. aufZehenspitzen schreibt:

    ahhh! ich wusste es gibt einen haken 🙂 ich schwebe aktuell auch noch in der wunderbaren phase 2 – träume von südamerika-reisen und promovieren und und und … schöner text! (überhaupt schönes blog)

    • nusenblaten schreibt:

      Nein, nein, nein, wir möchten ja hier niemanden desillusionieren. Ist es nicht so, dass man eh immer denkt: Mit meinem eigenen Kind wird mir sowas nie passieren? Gut so. Weiterträumen. In jedem Wonnemoment Kraft tanken für die Momente, die dann noch kommen. Oder die dann eben nicht kommen, denn das eigene Kind ist ja anders als alle anderen!

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