Angefressen (Lisa)

Frauen sind wie Möhren, denk ich manchmal. Wie Bio-Möhren, um ehrlich zu sein. Am Anfang wenn man sie aus der Erde zieht, sind sie noch knackig und mit wohlriechender Erde bepudert. Hier und da eine Delle (Bio!), dort eine Kurve, kein Exemplar gleicht dem anderen. Das Grünzeug am Kopf leuchtet noch und steht selbstbewusst ab. Mit der Zeit bröckelt die Erde, die Möhre zeigt ihr wahres Ich. Sie verliebt sich, das Grünzeug schwingt glücklich im Wiegeschritt, sie heiratet, das Grünzeug verliert ein bisschen Farbe.

Dann kommen Kinder.

Das Grünzeug welkt, die Haare hängen. Wie ein Sparschäler hobeln die Kinder die Möhrenschale ihrer Mütter ab, alle Ecken und Kanten werden weggeschält, die Kinder mampfen die Schale, bis die Möhrenmama nicht nur nackt und frierend dasteht, sondern den anderen Möhren auch noch verdächtig ähnelt. Die Dellen der Chraktereigenschaften? Abgeschält und weggefuttert.

Die dicken Kinder lecken sich die Mäulchen und rufen „Mehr, mehr, mehr“, während Mama sich eine Kur bucht und hofft, dass ihre Schale nochmal nachwächst. Mit Schlammtherapien im Relaxing-Gewächshaus soll dann sogar die wohlriechende Erdbepuderung vom Anfang wiederhergestellt werden. Und das alles, um sich danach wieder der hungrigen Meute hinzugeben, sich genüsslich vom Nachwuchs fressen zu lassen. Ist ja alles zum Wohle der Kinder, gell? Fragt ja keiner, welches Kind sich eine abgefressene Karotte zur Mutter wünscht!

Ist es nicht so? Ich wünschte, das wäre es nicht und freue mich, wenn mich hier mal gleich jemand vom Gegenteil überzeugt. Mich auf den Topf setzt und fragt, wer mir eigentlich am Hirn genagt hat (wer wohl?), dass ich so ein übertriebenes, plakatives und individuen-feindliches Schubladengedenke von mir gebe. Ich ess ess jetzt jedenfalls erstmal ne Möhre.

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Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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6 Antworten zu Angefressen (Lisa)

  1. kristina schreibt:

    Ich muss dir leider in allen Punkten Recht geben! 😀

  2. Karolin schreibt:

    Toller Artikel…kann ich total nachvollziehen. Dennoch guten Appetit 🙂

  3. Frau P schreibt:

    Gut so. Möhren essen ist gut für den Tenng, wie der große Sohn gerne sagt. Ich denke, leiderleiderleider, trotz aller Sonne: Du liegst sowas von richtig und nackig ohne Möhrenschale da, dass ich auch nicht aushelfen kann. Vielleicht mit einer Umfrage: Demnach sind Eltern mit kleinen Kindern noch nach Alleinstehenden, diejenigen, die sich selbst als am wenigsten glücklich bezeichnen. Sagte ich aufbauen? Ja, weil wenn diese Kinder dann groß sind und die Möhren allein zurück bleiben, häufig unterbrochene Zweisamkeit durch Besuche, dann ja dann geben sie an am glücklichsten von allen zu sein. Und häufig sind wir es ja auch so: Nicht nachts um zwei und auch nicht an den Tagen mit Fussballtraining, aber wenn sie einem in den Arm fallen und selig „Meine Mama“ hauchen, dann kann keiner mehr mithalten.
    Schöner Post, danke dafür.
    Und viele Grüße aus dem 4. OG

  4. Jaegerin schreibt:

    Also meinen Möhren passiert noch viel schlimmeres. Sie werden gar nicht geschält, sondern vergammeln regelmäßig im Kühlschrank, werden weich und schrumpelig und die Farbe, weiß nicht, was das ist. Na? Geht es Dir jetzt besser, du schlank geschältes Vitaminwunder in knallorange, das den Kindern schmeckt?!

  5. Kinderforschung Hasenbüchel schreibt:

    Ha ha, 5 Möhren und 9 Beine, welcher fehlt ein Bein?

  6. Jeannette Chasewall schreibt:

    Das hätte ich nicht besser zum Ausdruck bringen können. Auch als Oma fühlt man sich manchmal so

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