Missverhältnis (Lisa)

„Bah, Mama, die Bratkartoffeln ess‘ ich nicht.“

„Wieso denn nicht?“

„Boah, die schmecken voll öko.“

Unsere Tochter ist angekommen in der neuen Heimat. Sie hat unseren Ökokiez Prenzlauer Berg, dem wir doch noch immer ein Tränchen hinterher weinen, komplett hinter sich gelassen. Kartoffeln mit wenig Salz schmecken jetzt also viel zu „öko“, dafür freut sie sich beim Dorfmetzger immer über das Stück echte dicke Fleischwurst „auf die Hand“.

Wir haben uns ja viele Gedanken gemacht, bevor wir mit Sack und Pack Berlin verließen, um in der Nähe von Köln auf dem Land zu wohnen. Trotzdem hätte ich nie geahnt, worin der Hauptunterschied zwischen diesen zwei Welten bestehen würde.

Nämlich in der vermeintlichen Zufriedenheit der Menschen. Hier im Bergischen Land strahlen die Leute eine fast absurde Zufriedenheit aus, sie haben weniger Eile, sie wirken, als seien sie in ihrem Leben bereits angekommen. Sie haben Kinder (die, mit denen ich zu tun habe jedenfalls), sie haben einen Garten (vor dem Edeka wird hier nicht Haarspray, sondern Blumenerde im Sonderangebot angepriesen), sie sind verheiratet und: Sie sind nicht mehr auf der Suche.

Das ganze Gehetze des Prenzlauer Bergs, das Japsen nach dem neusten Trend, der Konkurrenzkampf unter den Müttern, das Suchen nach der richtigen Lebensform, das fällt hier weg. Scheinbar jedenfalls. Jeder lebt so vor sich hin. Mal trifft man sich zum Kaffee, mal nicht. Je nach Jahreszeit hängt man neue Deko in die Fenster oder auch nicht. Hier geht es nicht um die Suche nach dem hippsten Flohmarkt, der bezahlbarsten Eigentumswohnung, des leckersten Smoothies. Hier wirkt das Leben so normal.

Ich habe diese Suche nie so bewusst wahrgenommen, als ich noch dort wohnte. Aber jetzt fehlt sie mir. Weil sie Reibung erzeugt und mich Reibung anspornt. Mein Modus steht noch auf Tempo, während sich das Leben hier vor mir in Zeitlupe abspielt. Ich möchte Fleischwurst UND Öko. Jetzt muss ich nur noch einen Metzger finden, der mir das zusammenrührt. Mit einem Smoothie als Nachtisch.

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Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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2 Antworten zu Missverhältnis (Lisa)

  1. Jaegerin schreibt:

    Man kann es nicht schöner, treffender und wahrer ausdrücken! Eure Jägerin, irgendwo zwischen Zeitlupe und Normaltempo angekommen, aber ab und zu noch träumend von dem Berlin-Spurt zwischendurch

  2. Inch schreibt:

    Wunderbar beschrieben. Ich hoffe, Ihr könnt Euch irgendwann alle auf die Ruhe einlassen und nicht mehr den Prenzelberg im Dorf bei Köln suchen

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