Langeweile (Markus)

Pauls Lieblingswort zurzeit ist „langweilig“. Fünf Minuten keine Action – und er stöhnt: „Mir ist laaaangweilig.“ Er dehnt das Wort derart, lässt gleichzeitig Kopf und Schultern so demonstrativ hängen, dass ich mir anfangs sogar Sorgen machte. Verwechselt er langweilig mit krank? Meint er eigentlich: „Ich bin krank“ oder „Ich bin schlapp“?

Nein, er meint tatsächlich Langeweile oder besser gesagt das, was er für Langeweile hält: die Abwesenheit von Animation, Ablenkung und Aufregung. „Mir ist laaaangweilig“ – dieser Satz ist also eigentlich eine Code. Und hinter diesem Code verbirgt sich die ultimative Aufforderung an uns, mit ihm fangen zu spielen, ihn zum Malen anzuregen, die Karpfen im Gartenteich mit altem Brot zu füttern oder den Rasenmähertraktor aufheulen zu lassen.

Oder, anders ausgedrückt: Das Gegenteil von „laaangweilig“ ist laut, wild, überraschend und unruhig. Nun ist das Leben auf dem Land tatsächlich häufig laut, wild, überraschend und unruhig. Wir haben seit dem Umzug viel dafür getan, dass den Kindern nicht langweilig ist, dass sie sich in der neuen Umgebung wohl fühlen. Und Paul hat sich an den erhöhten Pulsschlag gewöhnt. Gehts mal etwas ruhiger zu, empfindet er gleich Langeweile.

Na und, mögen jetzt Schlaumeier sagen: Langeweile ist wichtig für ein Kind, fördert dessen Kreativität, steigert den Antrieb, verhindert ADHS und vermindert das Schlaganfall-Risiko um 63 Prozent. Ist ja alles richtig: Aber besser ein leicht erhöhtes Schlaganfall-Risiko, als ein dauernörgelndes Kind am Wochenende.

Also fuhren wir in ein Freilichtmuseum mit alten Bauernhäusern, Postkutschen, Traktoren aus den 20er Jahren und vielen Tieren. Wir gingen durch das Museum, griffen echten Schafen ins Fell, streichelten Kaninchen, schauten einem Gaul zu, der einen Pflug zog – und blieben schließlich an einem Spielplatz stehen. Paul sprang in den Sand, griff sich einen Eimer, eine Schaufel und ein Sieb – und spielte. Wir wären gern weiter gegangen, wollten mit Helene eigentlich zum Ponyreiten. Aber Paul blieb, eine Stunde lang wühlte er sich durch den Sand.

Man, war uns laaangweilig.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
Dieser Beitrag wurde unter Beobachtungen, Erkenntnisse, Erziehung abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Langeweile (Markus)

  1. Löwenzahn schreibt:

    Köstlich!🙂 Ja, das kenne ich nur zu gut! Aber wie du dich vielleicht noch erinnern kannst🙂 sind Stadtkinder da auch nicht anders! Ich wundere mich manchmal, dass Kinder selbst eine total langweilige Beschäftigung zu zweit lieber machen als etwas total Schönes alleine! Wie kann man nur ein Kartenspiel, das man nicht einmal besonders mag, lieber spielen als in Ruhe ein schönes Hörbuch anhören?!

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s