Tabubruch (Lisa)

Im Süddeutsche Zeitung Magazin vom Freitag lese ich, dass es im deutschen Fernsehen Sendungen wie Live aus dem Alabama nicht mehr gebe, weil so gut wie alle Tabus in unserer Gesellschaft bereits gebrochen wären. Damals sei es noch etwas Besonderes gewesen, einen homosexuellen Gast einzuladen, erzählt Sandra Maischberger, die die Sendung mal moderiert hat, und der Gast sei auch nur unter der Bedingung genehmigt worden, dass bei dem Gespräch auch ein Kirchenmann eingeladen werde.

Nun, es ist ja schön, sich vorzustellen, dass wir in einer solch freien Gesellschaft leben, dass keine Tabus mehr gebrochen werden müssen. Aber das ist ja nicht so.

Ich denke da an schwule Profifußballer zum Beispiel. Ich denke da aber auch an ein Cover des amerikanischen Magazins TIME, das mich erschrocken hat. Nicht das Bild hat mich verwundert, es zeigt eine Mutter mit einem fast vierjährigen Kind an der Brust. Nein, die Reaktionen auf dieses Bild haben mich geschockt. Warum? Weil ich dachte, dass kein Bild der Welt mehr solche Debatten lostreten kann, weil ich nämlich davon ausging, in einer toleranten Gesellschaft zu leben, in der es kaum noch Tabubrüche gibt, weil eben jeder so leben darf, wie er will. Darf er nicht. Ich weiß es jetzt beser.

Kaum ein Mütterblog hat dieses Bild nicht gezeigt, nicht kommentiert und das nicht nur in Amerika, wo der Titel erschienen ist, sondern auch hier.

Mein Gott, da stillt eine Mutter ihr Kind! So what?

Ja, es ist fast vier. Und? Soll sie doch, wenn sie das für sich und ihr Kind gut findet. Das heißt nicht, dass ich das auch gut finden muss, aber da steht doch auch nicht, dass ich das jetzt gefälligst selbst so machen muss. Mach ich´s halt anders.

In amerikanischen Mütterblogs ist von Krieg die Rede, die Pro-Mutermilch-Bewegung liefert sich Schlamschlachten mit Feminismus-Vertreterinnen. Etliche Bloggerinnen  regten sich gar über die unrealistische Inszenierung des Bildes auf: „Ein Kind auf einem Stuhl? Das ist doch sauuuu-gefährlich“, schreibt da doch echt eine Bloggerin. Wo leben die denn eigentlich?

Ich kann es mir genau vorstellen: Wie die Chefredakteure da saßen und sich ein Coverbild ausdachten und genau darauf abzielten: Auf einen Aufschrei. Die sitzen jetzt in ihrem Kämmerchen und reiben sich die Hände: „Extra! Ätschibätsch! Regt Euch nur auf. Solche Auflagen hatten wir noch nie.“

Ich finde es befremdlich, dass dieses kalt berechnete Kalkül so aufging. Noch erfolgreicher, als sie es sich in ihren kühnsten Träumen hätten vorstellen können wahrscheinlich.

Vielleicht sollte ich mal mit Frau Maischberger über Tabus reden. Ob es sie noch gibt. Und dann laden wir uns eine stillende Mutter mit ihrem vierjährigen Kind ein… Daneben setzen wir einen Kirchenmann.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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2 Antworten zu Tabubruch (Lisa)

  1. frolleinhapunkt schreibt:

    Ich verfolge auch einen Blog einer Amerikanerin, die sich ebenfalls über die Debatte aufregt, die das Cover losgetreten hat. Weil vor allem das Cover bewusst völlig überzogen ist und der Sinn dahinter ja ein ganz anderer ist. Dennoch haben sich wohl -so habe ich das verstanden- die meisten explizit über das Foto aufgeregt. Was ich als Mutter eines 11 Monate alten Kindes viel mehr als Tabu empfinde ist die bewusste Entscheidung NICHT stillen zu wollen. Das könnte auch mal zur Maischberger.

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