Kopfball mit Folgen (Markus)

Seit vier Wochen trainiert er beim HSV, zuschauen konnte ich allerdings noch nicht. Immer kam irgendetwas dazwischen, ein Seminar, die Arbeit, ein Zahnarzttermin. Am Montag hatte ich nun endlich die Chance, ihn mir vom Spielfeldrand aus anzuschauen. Ich wusste ja um sein großes Talent, seine guten technischen Anlagen. Manchmal ist er noch etwas zu ballverliebt, vor dem Tor spielt er selten ab. Er will die Bude halt selbst machen. Das ist in Ordnung. Ehrgeiz ist gut, in dem Alter.

Ich stieg also ins Auto, raste von Köln zum Trainingsgelände des HSV in gut 25 Minuten. Als ich durch das Stadiontor ging, sah ich, dass sich seine Mannschaft vor dem hinteren Tor auf dem Kunstrasenplatz gruppierte. Die beiden Trainer hielten offenbar gerade eine Ansprache. Doch wo war er? Der Spieler, für den ich alles hatte stehen und liegen lassen in meinem Büro, den ich unbedingt aus der Nähe sehen wollte. Auf den ich mich so gefreut hatte. In der Gruppe sah ich ihn zunächst nicht. Ich ging um den Platz, näherte mich dem hinteren Teil des Spielfeldes. Gerade, als ich dachte, ich hätte seine blonden Locken in der Menge der Spieler mit den etwas zu großen FC-Köln-Trikots ausgemacht, sah ich ihn abseits des Spielfeldes auf dem Asphalt stehen. Er heulte und rieb sich mit seinen schmutzigen Torwarthandschuhen immer wieder die Augen. Der Blick auf den Boden gerichtet.

Besorgt fragte ich meinen Paul, fast 4 Jahre alt, Berufswunsch Berufsfußballer, was geschehen war. Hatte er sich verletzt? War er vom Platz geflogen? Durfte er wegen grob unsportlichen Verhaltens für den Rest der Saison nicht mehr mittrainieren? Paul schniefte, hustete und stammelte dann, dass er etwas gemacht hätte, was ziemlich schlimm sei. Was denn, fragte ich ungeduldig. „Ich ich ha-habe einen anderen Ju-hungen mit dem Ba-hall am Kopf Kopf getroffen.“

Ich schaute mich um, sah keinen schwer verletzten Jungen auf dem Platz, ja ich sah nicht mal jemanden, der weinte, unglücklich wirkte oder eine Beule am Kopf hatte. Im Gegenteil: Die Jungs aus der Mannschaft des HSV – des Heiligenhauser SV – wirkten ausgelassen, fröhlich. „Kann es sein, dass der Junge nur einen Kopfball gemacht hat, nachdem Du den Ball gespielt hast?“, fragte ich und Paul fing an bitterlich zu weinen: „Ja. Ich will nie, nie wieder Fußball spielen.“

Meine Kehle schnürte sich zusammen: Paul, dieses Riesentalent, will seine Karriere beenden, bevor auch nur irgend jemand außerhalb der Familie auf ihn aufmerksam geworden ist. Das musste ich verhindern! Ich versprach ihm Schokolade, Pommes, einen Schluck Cola und ein Trikot des SV Werder Bremen (Größe 104) für den Fall, dass er wieder zurück zu seinem Team gehe. Unaufhörlich redete ich auf ihn ein. Ich befürchtete, wenn er jetzt, nach dem Kopfballschock, nicht wieder mittrainieren wollte, dann nie wieder. Doch Paul blieb stur. Das Training war für ihn gelaufen. Enttäuscht fuhren wir nach Hause. Im Auto, er hatte sich inzwischen beruhigt, fragte er dann: „Kriege ich jetzt Pommes, Cola und ein Werder-Bremen-Trikot? Dann spiele ich auch wieder mit.“ Ich schwieg, denn ich wusste nicht, was schlimmer ist: Ihm jetzt eine Cola zu kaufen oder ihn nächste Woche mit einem Werder-Trikot zum HSV zu schicken…

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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