4 Jahre Zwillinge (Lisa & Markus)

Da liegen sie übereinander, wie im Doppelstockbett. Der obere Kerl schaut nach vorn, der untere nach hinten...nur getrennt durch eine dünne Schicht

Da liegen sie übereinander, wie im Doppelstockbett. Der obere Kerl schaut nach vorn, der untere nach hinten…nur getrennt durch eine dünne Schicht

Es ist jetzt also schon vier Jahre her, dass ich zu einer Routine-Untersuchung mit meinem Riesenbauch in ein Berliner Krankenhaus fuhr und direkt da behalten wurden. Eingeleitete Wehen, ein herbeihastender Markus, der fast den Moment der Geburt verpasste, weil er die Große noch aus der Kita holen musste.

Nach der dann doch noch stattgefundenen Schnittentbindung folgte einer der besten Momente unseres Lebens. Zwei schmatzende, schlafende, wohlriechende Kerle – jeder von uns hatte einen auf der Brust. Die Welt stand still in diesem Moment. Es gab nur uns. Noch aus dem Kreißsaal riefen wir die Verwandtschaft an. Die Jungs sind da. Gesund. Drei Kilo jeder.

Von nun an: Tandemstillen

Gut gelaunte Krankenschwestern versüßten uns die ersten Tage, aus der Klinik entlassen erwarteten uns Helene und Oma mit Kuchen. Drei Monate lang sagten wir: Das hätten wir uns viel schlimmer vorgestellt. Geht doch alles. Nach vier Monaten erfuhren wir per Gentest, dass es sich bei unseren Jungs um eineiige Zwillinge handelte. Wir wollten Gewissheit und freuten uns.

Ich lernte das Tandemstillen, zwei auf einmal, die Herren waren sonst nicht zu sättigen. Auf der Taufe schrien sie in ihren Kleidchen und es regnete in Strömen. Drei Krankenhausaufenhalte vor dem ersten Geburtstag. Zwei weitere folgten danach. Nie was Schlimmes und doch strapaziös für unsere Nerven. Eine Woche nach dem ersten Geburtstag die ersten Schritte des einen, eine Woche später die des anderen. Abstillen nach 16 Monaten.

Sie können mit Messer und Gabel essen – wenn sie wollen

Nach anderthalb Jahren Zwillingen begannen wir mit Nusenblaten. Weil unser Leben zu anstregend und zu witzig verlief, als dass wir andere nicht dran teilhaben lassen wollten. Das Schreiben war und ist unser Ventil, wenn uns das Chaos mal wieder über den Kopf zu wachsen droht. Kurz vor dem zweiten Geburtstag die Eingewöhnung in die Kita und dieser Beitrag hier zu zwei Jahren Zwillingen. Jetzt sind sie doppelt so alt, sie können Fahrradfahren und mit Messer und Gabel essen. Wenn sie wollen.

„Nach einem Jahr wird es besser“, sagten viele. Nach zwei Jahren dachten wir das wirklich. Nach drei Jahren hatten wir graue Haare. Und nach vier Jahren beginnen wir, dankbar zu werden für all das. Die beiden sind jetzt größer als einen Meter, sie haben eigene Interessen und Vorlieben. Und sie sind sehr oft unheimlich lustig.

„Wir werden vier“

Als sie sprechen lernten, begüßten sie jeden mit einem freundichen „Hallo, Ihr beiden!“ Auch die Bäckersfrau, die allein hinter der Theke stand. Wer will es ihnen verübeln, sie wurden immer im Doppelpack begrüßt. Heute frage ich einzeln: „Paul, wie alt wirst Du denn?“ Und er antwortet mit einem überzeugten: „Wir werden vier.“ Genauso geht es Franz: „Wir haben Geburtstag“.

Es ist eine unglaubliche Sozialstudie, die wir da jeden Tag miterleben dürfen. Der eine mit der helleren Stimme und dem Fußballtalent, der andere, mit dem runderen Gesicht und musischem Interesse. Außenstehende mögen kaum Unterschiede erkennen und doch gibt es sie. Auch wenn die beiden oft über einen Kamm geschoren werden.

Was haben wir uns für Spüche anhören müssen: „Ha, zwei zum Preis von einem“; „Hihi, Ihr habt wohl zu viel Nimm Zwei gefuttert“; „Alles in einem Abwasch“. Von wegen in einem Abwasch. Wer hat für den heutigen Tag gleich zwei Torten gebacken? Wer gleich zwei Kita-Einschunlungstüten gepackt?

Altershierarchie fehlt

Es ist die doppelte Arbeit mit Zwillingen, man „spart“ sich nicht eine Schwangerschaft, weil die doppelte eben auch doppelt so anstrengend ist. Das empfinde ich so, das muss aber nicht für alle gelten. Hinzu kommt im Alltag die fehlende natürliche Altershierarchie. Das ist jeden Tag aufs Neue eine Herausforderung, weil es für die Zwillinge schwierig  ist, die eigene Position in der Familie zu finden. Da kommen auch mal Emotionen hoch, die ein Einlingskind nicht kennt. Das ist aber nicht nur im Negativen gemeint, sondern genauso im Positiven.

Die Bindung der beiden ist enorm. Schimpft jemand mit dem einen, springt der andere schützend ein. Morgens murmeln sie sich zu zweit durchs Bett und auf dem Autoteppich  können sie sich auch gut mal ein Stündchen selbst beschäftigen. Immer so lang eben, bis der eine dem anderen ein Auto auf den Kopf wirft. Auch das gehört zum Ritual.

Rückblickend sehen wir vier Jahre in Anarchie, Chaos und Terror. Ihr könnt es hier im Blog detailliert nachlesen. Aber daneben waren diese Jahre eben auch erfüllt von Kuschelei, Stolz, Liebe und Wahnsinn. Ein Wahnsinn der Gefühle – nach vorne, nach hinten, seitwärts und hoch hinaus.

Ein Prost also auf die nächsten vier Jahre! Für die wir hoffentlich genauso dankbar sein werden, wie für diese erste verrückte Zeit…

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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9 Antworten zu 4 Jahre Zwillinge (Lisa & Markus)

  1. Jaegerin schreibt:

    Den Tränen nahe, gratuliere ich!!!

  2. Melanie schreibt:

    Gratulation! Und ich wusste gar nicht, dass man nur mit einem Test herausfindet, ob die eineiig sind. Dachte das sieht man schon im Ultraschall oder so…Lerne immer was dazu!

    • nusenblaten schreibt:

      Liebe Melanie, tatsächlich ist das sogar einigen Ärzten nicht bekannt. Ein Ersatz-Gyn sagte mir in der Schwangerschaft mal: Klar sind die zweieiig bei zwei Plazenten und zwei Fruchthüllen. Das ist aber Quatsch. Je nachdem, wie schnell sich die befruchtete Zelle in zwei Teile teilt, können eineiige entweder 2 oder eine Plazenta und entweder eine oder zwei Fruchthüllen. Wir haben das dann erst durch den Gentest herausgefunden. Bei gleichgeschlechtlichen Zwillingen kann man ohne den nicht sicher sein.

  3. Kerstin schreibt:

    GLÜCKWUNSCH auch von der Mütterpflegerin, die sich auch sehr gerne an die ersten Monate erinnert, eine Zeit, die auch in ihr eine Spur gegraben hat, eine sehr schöne!!!!! Danke und feiert wild!!!!!

  4. Henrik schreibt:

    Einen Herzlichen Glückwunsch an die ganze Familie und besonders an die zwei „Rabauken“!
    Ein sehr schöner andächtiger Beitrag und ein übersichtlicher Rückblick in die Vergangenheit.
    Auf die nächsten 2x 4 Jahre es wird sicherlich nicht langweiliger! 😉

  5. Inch schreibt:

    Herzlichen Glückwunsch an die Geburtstagskinder und danke für diesen Blog. Ich genieße es hier zu lesen, obwohl meine Kinder schon aus dem Haus sind

  6. fraumutter schreibt:

    Herzlichen Glückwunsch und RESPECT vor dieser Leistung!

  7. Rita schreibt:

    Herzlichen Glückwunsch. Bei mir ist es bald zwei Jahre her, und als ich das hier gelesen habe, wusste ich noch genau, wie sich das anfühlte, die Aufregung, die Freude, die Unsicherheit…
    Dazu war es meine erste Schwangerschaft. Aber heute möchte ich das um nichts in der Welt missen, bei aller Anstrengung. Das kriegt man als Glück 100fach zurück 🙂

  8. Nancy Wolff schreibt:

    Hallo
    Ich habe durch ein Buch von Euch erfahren. Wir haben eine ähnliche Konstellation wie Ihr, nur ist unser ‚ Großer ‚ auch ein Junge.
    Wir wissen leider auch nicht ob unsere Zwillinge ein oder zweieiig sind. Daher nun meine frage, auch wenn man nicht über Geld spricht, aber was hat der Test gekostet? Ich würde auch gern wissen wie es bei vor aussieht , damit ich diese Fragen endlich klar beantworten kann und nicht ständig hören muß,‘ Ach, das wisst ihr nicht? ‚ oder ähnlich.
    Alles Liebe aus Hessen

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