Kinderwagen müssen draußen bleiben

Der Poller sieht aus wie eine Figur aus "Mensch ärgere Dich nicht"

Der Poller sieht aus wie eine Figur aus „Mensch ärgere Dich nicht“

Tja, wir haben schon vor zweieinhalb Jahren einmal darüber berichtet, dass sich in Prenzlauer Berg so langsam die Fronten verhärten. Das erste Café im Kiez hatte für einen kinderfreien Raum gesorgt – und damit bundsweit für Aufsehen.

Nun, es scheint jedenfalls immer noch (oder immer mehr?) Bedarf zu geben, Menschen auch im Babyboom-Kiez der Republik die Möglichkeit zu geben, sich ohne Nachwuchs und allem was dazu gehört (Geschrei, Windelstinke, Kinderwagen), einen Kaffee einzuverleiben. Nun greift ein Wirt in der Schönhauser Allee zu neuen Maßnahmen.

In „The Barn Roastery“ in der Hausnummer 8 steht nun ein Betonpoller im Eingang, genau hinter der Tür. Er sieht aus wie eine Figur aus dem Spiel „Mensch ärgere Dich nicht“ und das soll er wohl auch bedeuten. Er steht so, dass der Eingang für den gerade stehenden Homo sapiens noch passierbar ist, aber auch so, dass Kinderwagen nicht vorbei kommen. Sie sind unerwünscht.

Das Ganze wird höflich begründet und entschuldigt. Begründet mit den Brandschutzverordnungen einer Kaffeerösterei (es gibt den Kaffee hier übrigens nur schwarz, womit die Klischeemütter schon mal eh nicht kommen würden, denn die trinken ja angeblich allesamt nur Latte Macchiato!). Entschuldigt mit der eigenen Leidenschaft und Fürsorge, die „vielleicht Dein gewohntes Leben einschränkt“. Ist das berechtigt? Oder ist das kinder- und elternfeindlich?

Immerhin: „Barn“ steht im Schwedischen für „Kind“. Und auch der Poller hat einen niedlich kindlichen Namen abbekommen. Er hört auf den Namen: Pollino.

Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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14 Antworten zu Kinderwagen müssen draußen bleiben

  1. aufZehenspitzen schreibt:

    mah… ich finde das, was in diesem viertel abläuft wirklich schon ungustiös. keine ahnung, ich kenne ja das ausmaß dieses vermeintlichen babybooms samt folgen nicht, finde aber die medial vermittelten reaktionen letztklassig. ist ja nichts dabei, ein explizit kinderfreies lokal zu betreiben. mit dem grant einzelner wird man auch umgehen können (müssen). aber poller??? super signal für rollstuhlfahrer_innen.

  2. Lukas schreibt:

    Also ich finde es gut. Auch wenn ich denn Groll aller Leser dieses Blogs nun auf mich ziehen werde. Es ist nicht nur für den Gast, der seinen Kaffee ohne besagtes Geschrei, Windelstinke und Kinderwagen geniessen möchte, angenehmer, sondern auch für die Mitarbeiter, die diese drei Sachen den ganzen Tag ertragen müssen. An die denkt kein Mensch.

    • nusenblaten schreibt:

      Nee, es geht hier gar nicht um Groll! Wir haben ja bewusst offen gelassen, wie das zu finden ist. Wenn wir ohne Kinder unterwegs sind, freuen wir uns ja auch oft genug, wenn wir mal Ruhe haben, ohne dass am Nebentisch acht Babys kreischen.

  3. frolleinhapunkt schreibt:

    Krass, ich fand das bis eben eigentlich auch nicht schlimm. Gerade wir Mütter genießen doch auch mal die kinderfreien Auszeiten und sollten auch Verständnis dafür haben, dass andere sich gern mal in Ruhe einen Kaffee gönnen. Ist ja nicht so, dass es für Mütter nicht eine Trilliarde Alterntiven geben würde! Aber aufZehenspitzen hat mir erst die Augen für die Rollstuhlfahrer geöffnet! Der Poller ist dreist. — Gibt es denn in Prenzlauer Berg Mütter, die aus Prinzip mit ihren Kindern in Cafés gehen würden, in denen das eigentlich nicht erwünscht ist? Reicht kein Schild?

    • Ruth schreibt:

      Ja, find ich auch – wenn ich irgendwo ein Schild sähe „Bitte keine kleinen Kinder“, würd ich eh nicht reingehen. Dazu ist das Angebot an kinderfreundlichen Cafés gerade im P-Berg nun wirklich groß genug. Aber der Poller ist Ausgrenzung pur, und eben nicht nur von Eltern mit kleinem Kind, sondern auch für Rollstuhlfahrer/innen, ältere Menschen mit Rollator etc. pp.

  4. Henrik schreibt:

    Den Artikel habe ich gestern schon per Twitter erhalten und musste gleich an Euch denken. Nun habt ihr ihn auch hier.
    Vorab sei noch so erwähnen, dass der Besitzer den Poller für Rollstuhlfahrer selbstverständlich beiseite räumen wird, so wurde er im Artikel erwähnt.
    Generell kann ich den Besitzer verstehen und letztendlich ist es sein eigener Laden, da darf er auch bestimmen wer rein darf! Besser die Situation wird direkt am Eingang geklärt, als das es erst später, wenn der Gast schon sitzt, angesprochen wird, bzw. mit entsprechend negativer Einstellung bedient wird.

    Schlimm fand ich folgendes Erlebnis meiner Frau: Sie geht in einen neu eröffneten Kleidungsladen, in dem im Untergeschoss Baby-/Kindermode verkauft wird. Mit dem Kinderwagen auf die Rolltreppe darf man ja nicht und gehen wir auch nicht. Auf die Frage bitte den Aufzug freizuschalten, entgegnete die Mitarbeiterin nur: „Der ist nur für Behinderte und Rollstuhlfahrer“ – „Dann werde ich hier wohl nichts kaufen!“ lautet die Antwort meiner Frau die auf dem Absatz kehrt machte…

    • aufZehenspitzen schreibt:

      Aber wo hört Recht auf und fängt Diskriminierung an? Ein Bekannter hat mich einmal auf das Thema sensibilisiert. Es geht ja nicht unbedingt darum, dass es einem (als Rollstuhlfahrer) eh ermöglicht wird (bei Treppen vorm Museum zB das Schild „R.fahrer bitte klingeln“ oder eben in diesem Lokal „Wir räumen den Poller eh weg“), sondern dass den Betroffenen damit ständig vor Augen gehalten wird: in dieser Gesellschaft bist du die Ausnahme, in dieser Gesellschaft bist du auf Hilfe angewiesen, du bist unselbstständig und arm und hilflos. So ein Poller reiht sich in diesen Diskurs ein. Unnötig und unreflektiert.

      • Ruth schreibt:

        Abgesehen davon: In dem Artikel wird als Argument für das Kinderwagen-Verbot gesagt: Wir haben hier eine Rösterei, da kann jederzeit ein Feuer ausbrechen, und dann kriegen wir die Kinderwagen nicht so schnell raus. Jetzt frag ich mich doch, wie schnell die denn einen Rolstuhl rauskriegen, wenn die Hütte brennt und der Poller wieder steht…?!

        (Und so’n Kind, das nimmt man im Zweifel schnell aufn Arm und rennt raus und lässt den Kinderwagen brennen.)

        Also, ich hab gar nichts gegen kinderfreie Räume. Aber gegen verlogene und unreflektierte Argumentationen schon.

        Ich bin echt versucht, am Wochenende mal mit Baby im Tragetuch da nen schwarzen Kaffee trinken zu gehen um zu sehen, was passiert. Denn: Baby ist ja nicht das Thema, es geht ja angeblich nur um sperrige, brennende Kinderwagen……

  5. Stephan schreibt:

    Was geht da denn ab! Ich verstehe diese Menschen nicht! Das hört sich ja so an als wenn man in der Stadt kein Fleckchen findet, wo kein Kind wie am Spieß brüllt! Verstehe ich nicht, denn ich finde man hört viel zu wenig Kinder in Berlin! Leider!

  6. Doreen schreibt:

    Ich finde das unglaublich reaktionär. Ich frage mich immer wieder, was das für verbitterte Menschen sein müssen, die Kinder wirklich so schwer ertragen können, dass sie sich so ein Teil in den Eingang ihres Cafés stellen, nur um sie draußen zu halten. Ich will um himmelswillen nicht sagen, dass sich jeder eigene Kinder anschaffen soll, aber dass man fremde Kinder an öffentlichen Orten als so störend empfindet, mit so jemandem kann doch irgendetwas nicht stimmen. Wenn ich wirklich Ruhe brauche, bleibe ich Zuhause und trinke da meinen Kaffee (schwarzen Kaffee kann ich mir auch selber machen). Andere Menschen machen eben Lärm oder stinken von mir aus auch mal, da nehmen sich Erwachsene und Kinder meinem Empfinden nach überhaupt nichts. Kinder sind ein normaler und wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft und wer damit nicht klar kommt, der hat eindeutig ein Problem, an dem weder die Kinder noch ihre Eltern Schuld sind.

    Und ja, es ist natürlich auch diskriminierend. Nicht nur gegenüber Eltern und Kindern, sondern auch gegenüber Rollstuhlfahrern, die nicht ohne Hilfe an diesem Ding vorbei kommen.

    • Alex schreibt:

      „Die Gesellschaft“ hat mit Kindern m.E. gar kein Problem. Es geht hierbei nämlich nicht um die Frage „Kinder oder nicht?“, sondern um „wohl oder antiautoritär erzogene Kinder“. Es ist ja nicht so, dass ich früher mit meinen Eltern nicht auch mal Essen gegangen bin. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass ich – ich nenn’s mal „spielend“ – durchs gesamte Lokal gezogen bin und die versammelte Kundschaft und Bedienung durch meine Anwesenheit „erfreut“ habe. Im Gegenteil, mir wurde beigebracht, sich in der Öffentlichkeit ordentlich zu benehmen, sich ruhig zu verhalten und andere möglichst nicht zu stören. Das hat bis heute auch ganz gut geklappt. Dennoch stell ich heutzutage immer wieder fest, dass sich Latte-Macchiato-Mütter zum Schnattern treffen (völlig i.O.), ihre Kinder dabei aber unbeaufsichtigt und mithin unerzogen die versammelte Lokalität beschäftigten. Das ist der Punkt, der viele normale Mitbürger stört, nicht die Tatsache anwesender Kinder an sich. Erziehung scheint nicht mehr en vogue zu sein, und das ist schade.

      • Lukas schreibt:

        Alex, da bin ich ganz einer Meinung.Diese ganze antiautoritäre Erziehung geht einem sowas von auf den Senkel. Das erträgt kein Mitbürger länger als 5 Minuten.

  7. Bernd schreibt:

    Meiner Ansicht nach ist es nur die Betrachtungsweise, die den Unterschied macht. Wenn man die Stimmen von Kindern mit Wohlwollen betrachtet und sich entspannt, kann man trotzdem seine Tasse Kaffee in Ruhe genießen; aber wenn man grundsätzlich schon auf Kontro eingestellt ist, stört einen doch das Haar in der Suppe! Vermutlich geht es hier gar nicht um Kinderwagen!

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