Prenzlauer Berg und der Poller (Lisa)

Wir haben gestern über einen Poller in einem Café in Prenzlauer Berg berichtet, der das Mitbringen von Kinderwagen verhindert. Der Poller und die Diskussion um ihn sagt viel aus über die aktuelle Stimmung in Deutschlands Babyboom-Kiez. Die vielen öffentlichen und nicht-öffentlichen Kommentare haben mal wieder gezeigt, wie emotional das Thema Familie in Deutschland noch immer diskutiert wird. Und das natürlich gerade dort, wo es viele gibt, wo also sonst als in Prenzlauer Berg?

Ja, es wurden Kneipen und Clubs verdrängt durch Sanierungsmaßnahmen oder die Einrichtung von Kitas für die vielen Zugezogenen, die mittlerweile auch Kinder haben. Wir haben ja selbst mal eine Kita gegründet, in alten Schlecker-Räumen, auch, weil man die Wartelisten irgendwann satt hat.

Wir wohnen nicht mehr im Kiez, aber die Debatte beschäftigt uns. Weil wir uns verwurzelt fühlen und weil wir selbst ja die Gentrifizierung in persona waren: Zugezogen aus dem Westen, Dreifacheltern, die ihre Brut samt Rädchen und Kinderwagen durch die Gegend kutschierten und tätig „irgendwo in den Medien“. Wir dürfen uns also persönlich beleidigt fühlen, wenn in den gestrigen Netzdiskussion mal wieder „Die Latte-Mütter“ durch den Kakao gezogen wurden.

Jetzt mal ganz ehrlich: „Die Latte-Mütter“, wer soll denn das sein? Nur weil ich Milch im Kaffee mag, muss ich noch längst nicht all den Klischees entsprechen, die mir da so angedichtet werden und mir macht diese Prenzlauer-Berger-Schwarz-Weiß-Denke wirklich schlechte Laune.

Elf Jahre lang war ich Prenzlauer Bergerin, am Anfang wohnte ich noch für 250 D-Mark in einem unsanierten Altbau, ich habe die Wandlung also hautnah miterlebt. Die Sanierungen, die Modernisierungen, die Gentrifzierung und ihre Gegner. Yuppies abschlachten ist ein Slogan, den man an vielen Spielplätzen mittlerweile sieht, genauso wie den Slogan Schwaben raus.

Seit langem schreiben wir schon über die Stimmung im Kiez, mit diesem Artikel hier ging´s los, mit diesem hier wagten wir gar einen Blick in die Zukunft Prenzlauer Bergs. Denn, ja, es gibt wirklich viele Kinder in Prenzlauer Berg. Und, ja, sie werden mit ziemlichem Selbstbewusstsein durch die Gegend geschoben.

Die einen, die „Einheimischen“, sehen das als Provokation („Die denken wohl mit ihrem verzogenen Nachwuchs, sie hätten es geschafft. Außerdem lassen sie die Mieten explodieren“), die anderen, die zugezogenen Familien selbst, sehen das als Paradies („Endlich mal ein Ort, an dem man Kinder mit in Cafes nehmen kann, an dem es massenhaft Spielplätze gibt und man offen Familie leben kann“). Doch das Paradies beginnt zu bröckeln.

Ob nun die Eltern schuld seien, dass die Eltern nerven oder die Kinder selbst, all das wird öffentlich diskutiert. Wir haben nie auf der Straße Anfeindungen erfahren, zum Glück, in der Anonymität des Webs melden sich die Skeptiker dafür umso lauter zu Wort. Die Lebensmodelle Vieler lassen sich mit anderen nicht in Einklang bringen und es staut sich Hass an, der in den Medien, besonders in den digitalen, seinen Ausdruck findet.  Wir haben uns im Netz als „Arschlöcher“, „Sau-Schwaben“ und „Pest“ beschimpfen lassen müssen, nur weil wir da wohnten, wo wir wohnten und so lebten, wie wir uns das wünschten.

Wir sind mit Prenzlauer Berg gewachsen und lieben es heut so, wie es sich an die Bedürfnisse seiner Bewohner anpasst, ein maßgeschneidertes Familienkiez. Aber das läge nicht in Deutschland, wenn es nicht sofort von Kritikern auseinandergenommen würde. Weil es sich weiterentwickelt. Und sicherlich auch, weil es für einige so gut funktioniert dort. Missgunst, Neid und Unverständnis spielen da eine Rolle. Die Fronten sind verhärtet und lassen sich kaum aufweichen. Vor allem nicht mit Babybrei-Mixern oder Fläschchen-Sterilisatoren.

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Über nusenblaten

Es geht um eine Mutter, einen Vater und ihre drei Kinder. Erst im Kinder-Mekka Prenzlauer Berg, nun mitten auf dem Land mit Ziegen und Fernweh. Es geht um die großen und kleinen Themen der Elternschaft. Der abwechselnde Blick von Mutter und Vater sorgt für teils überraschende, teils lustige Einblicke in die Welt zweier berufstätiger Eltern mit drei Kindern, die in nur zwei Jahren geboren wurden.
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3 Antworten zu Prenzlauer Berg und der Poller (Lisa)

  1. fuckermothers schreibt:

    Danke für Eure Texte zu dem Thema! Ich weiß aber nicht, ob es dabei nur um die Gentrifizierungsdebatte geht. Ich habe das Gefühl, es geht auch stark darum, wie sich Elternrollen verändern und ob sich Mütter (und Väter) mit Kindern in die Öffentlichkeit bewegen dürfen oder nicht. Früher sollte Hausfrau&Mutter ja eher zu Hause sein und Fenster putzen anstatt öffentlich Trend-Getränke zu trinken. Eine Gastautorin hat bei ‚fuckermothers‘ auch einen Text geschrieben, für den ich hiermit Werbung machen möchte: http://fuckermothers.wordpress.com/2012/09/28/drausen-nur-kannchen-oder-warum-wir-zuruckbrullen-mussen/

    • nusenblaten schreibt:

      Oh ja! Über euren Pollertext haben wir uns gestern schon gefreut. Dafür also gern Werbung! Das Thema hat halt unseres Erachtens insofern passiv mit der Gentrifizierung zu tun, als dass sich sofort Menschen persönlich angegriffen fühlen und die Emotionen sonst wahrscheinlich nicht so hoch kochen würden. Jedenfalls ist uns eine solche Hysterie aus anderen Städten und Stadtteilen nicht bekannt…

  2. fuckermothers schreibt:

    Ja, Du hast Recht – die Gentrifizierung steigert das Ganze wahrscheinlich tatsächlich enorm. Ich bin mal gespannt, ob dasselbe wohl bald in Kreuzberg und Neukölln passiert, wo sich meiner Wahrnehmung nach auch die Kinderwagen vermehren – wobei da ja die Wut über steigende Preise momentan eher an ‚den Touristen‘ ausgelassen wird.

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